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1843 Kratzsch über Gera
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Gera liegt in einem angenehmen Thale an einer sanft sich erhebenden Anhöhe, am rechten und am östlichen Ufer der weißen Elster, von welcher ein Canal, der Mühlgraben genannt, oberhalb der Stadt abgeleitet und duch die südlichen und westlichen Vorstädte geführt ist. Sie ist gut gebaut, indem die Straßen meistens gerade und breit, gut gepflastert und reinlich sind, hat 6 öffentliche Plätze und 39 Gassen. Unter den Häusern sind, selbst in den Vorstädten, viele große, schöne und ganz massiv gebaute. Von den 754 Hausnummern kommen 263 auf die innere Stadt und 491 auf die Vorstädte. Gera hat 5 überbaute und gewölpte Thore, die Vorstädte sind an den äußeren Enden mit Gattern versehen, deren 6 sind. Unter den öffentlichen Gebäuden zeichnen sich das schöne Rathhaus mit seinem ansehnlichen Thurme (am Hauptmarkt) und das Regierungsgebäude aus. Die übrigen besonders zu erwähnenden Gebäude sind. der Marstall auf der Sorge, das außerhalb des Schloßgatters sich befindende Comödienhaus, das Gymnasium mit weitläufigen Lehrerwohnungen und das herrschaftliche Haus am Kirchhofe. Von dem alten, an der südlichen Ecke der Stadt liegenden Schlosse ist wenig mehr übrig. Sonst hat die Stadt noch 6 Gasthöfe, 3 Mühlen (die Klotzmühle, mit einer Oel-, Schneide, Graupen- und Mahlmühle mit 6 Gängen, die Angermühle ebenfalls mit 6 Gängen und die Walkmühle der Tuchmacher), und ein Siedelhof nahe am alten Schlosse. Die Kirchen sind: die St. Salvatorkirche auf dem Niclasberge, welche jetzt noch, an der Stelle der in Ruinen liegenden St. Johanniskirche, als Hauptkirche dient, und die st. Trinitatis- oder Gottesackerkirche, außerdem sind in der Stadt noch 3 Kapellen, 2 Hospitäler,1 Zucht- und Waissenhaus mit Kirche. - Gera ist der Sitz der Regierung für die sämmtlichen Herrschaften der jüngeren Reuß-Plaunschen Linie, des Consistoriums, der Landesadministration, der Kammercommission, der Steuerdirection, ferner des Justizamtes, eines Stadt- und Landgerichts, eines Postamtes, einer Superintendur. Es befinden sich hier ferner 1 Gymnasium mit 7 Klassen, 1 Schullehrerseminar, 1 Mädchen- und 1 Armenschule. - Die Hauptnahrung der sehr betriebsamen Einwohner fließt aus dem Handel, den mancherlei vorhandenen Fabriken (Kattunfabrik, Baumwollzeugfabrik, Steingutfabrik, Wachstuchfabrik), und den handwerken aller Art, man findet hier vortreffliche Färbereien, Töpfereien, eine ansehnliche Bierbrauerei, Maler, Bildhauer, Instrumentenmacher, Kutschenwagenbauer, geschickte Goldschmiede und andere Künstler und Professionisten, ferner 2 Apotheken, inclusive der Hofapotheke am Hauptmarkte, 1 Buchhandlung, 1 Papier- und Kunsthandlung und 1 Buchdruckerei, Der ordentlichen Jahrmärkte, welche Fremde häufig besuchen, werden jährlich 4 gehalten, außerdem noch 2 Viehmärkte und 1 Roßmarkt. Dazu kommen noch 3 Wochenmärkte, welche besonders wegen des Getreidehandels sehr beträchtlich sind. - In der Nähe der Stadt steht an der nördlichen Kuppe des waldigen Hainberges, an dessen Fuße die Elster vorbeifließt, das Schlß Osterstein, sonst die Residenz der Regenten Geraischer Linie, von dem man eine schöne Aussicht auf die Stadt und Gegend hat. In einem der vielen und schönen Gärten, welche die Stadt umgeben, ist eine eisenhaltige Mineralquelle, die zum Baden gebraucht wird. Andere Vergnügungsorte in der Umgebung der Stadt sind: der herrschaftliche Küchengarten mit Sälen und Zimmern, die Wasserkunst am Mühlgraben, und das Martinshäuschen in dem Rathsholze. - Die Herrschaft Gera besteht aus der eigentlichen Herrschaft Gera, der Pflege Saalburg und dem, zwischen der Pflege Reichenfels und der Herrschaft Greiz gelegen, Pöllwitzer Walde mit 2 Ortschaften. Sie ist von den übrigen Reuß-Plauenschen Herrschaft durch den Neustädter Kreis getrennt, liegt folglich nicht wie Greiz, Schleiz, Lobenstein und Saalburg, im Voigtlande, sondern im eigentlichen Osterlande. Die größte Länge der Herrschaft beträgt von Morgen gegen Abend 8, und ihre größte Breite von Mittag gegen Mitternacht 4 Stunden; sie enthält im ganzen ungefähr 5 Quadratmeilen, worauf sich 2 Städte, 1 Marktflecken, 93 Dörfer, 12 herrschaftliche Güter und Vorwerke, 28 Rittergüter mit über 23.000 Einwohnern befinden. Eingetheilt ist die Herrschaft in das Amt oder die eigentliche Herrschaft Gera, und in das Amt oder die Pflege Saalburg. Diese liegt aber mit der ersteren nicht im Anschlusse, sondern 6 Meilen entfernt von Gera. Ebenso ist die zur Herrschaft Gera gehörige ansehnliche Strecke Waldes, der Pöllwitzer Wald, davon durch einen Theil des Neustädter Kreises getrennt, und theils von Greizer, theils von Schleizer Gebiet umgeben. - Die Herrschaft Gera wird von der jüngeren Linie des Fürstlich Reußischen Hauses ungetheilt besessen, so daß jeder Fürst die Hälfte der Einkünfte zieht. Ueberhaupt ist hier zu bemerken, daß die Lande des Fürstlichen Hauses Reuß-Plauen jüngere Linie in abgetheilte und gemeinschaftliche Besitzungen zerfallen. Von den letzteren ist bereits oben die Rede gewesen und mithin nur noch zu erinnern, daß die abgetheilten Lande bestehen: 1) in der Herrschaft Schleiz; 2) in der Pflege oder dem Amte Reichenfels, welche die Speciallinie Reuß-Schleiz besitzt, und unter deren Hoheit Köstritz steht, welches eine Nebenlinie ist, 3) in der Residenz Ebersdorf; 4) in dem vereinigten Amte Lobenstein-Ebersdorf; 5) in dem Amte Hirschberg, welcher der Speciallinie Reuß-Lobenstein-Ebersdorf zugehört. Der Flächennhalt der sämmtlichen Herrschaften der jüngeren Linie beträgt nach den gewöhnlichen Angaben 21 1/2 Quadratmeilen. (Neuere Angaben, so schrieb Kratzsch schon 1843, finden diese angaben übertrieben und nehmen nur 14 1/2 Quadratmeilen an.) Darauf befinden sich 4 Städte, 3 Flecken, 74 Dörfer, 12 Ritter- und 4 Kammergüter und 51 einzelne Höfe, Vorwerke, Mühlen und Hämmer. In Bezug auf die in den Landen des Fürstlich Reußischen Hauses jüngerer Linie bestehende Gerichtsverfassung wird auf die Tabula XXXII. meines Justiz-Organismus der deutschen Bundesstaaten, Leipzig bei Weber, 1836, verwiesen, und hinsichtlich der übrigen Verhältnisse vergleiche den Artikel Reußische Lande.

 

Nur folgendes ist zu Ergänzung und Berichtigung hier nachzutragen. Durch höchste Entschließung des Fürsten Heinrich LXXII. jüngerer Linie, d.d. Schloß Osterstein d. 25. Januar 1942 (siehe Amts- und Nachrichtenblatt für das Fürstlich Lobenstein-Ebersdorf Nr. 5) ist den fürstlichen Justizämtern zu Lobenstein und Hirschberg die Strafrechtspflege entnommen und seit dem 1. Februar 1842 einem von diesen gänzlich getrennten Gerichte, welches die Benennung: Landesgericht, und bis auf Weiteres seinen Sitz in der Stadt Lobenstein hat, überwiesen. Eine besondere Gerichtsordnung für dieses Gericht wird späterhin ergeben, sobald die Unterhandlungen mit der Ritter- und Landschaft des Fürstenthums wegen Abtretung der, einigen Rittergütern verliehenen Obergerichtsbarkeit an den Staat und wegen Errichtung eines allgemeinen Landesgerichts für den Umfang des ganzen Fürstenthums ohne Beschränkung und dessen Unterstützung aus Landesmitteln zu einem befriedigenden Resultate gediehen sind. Die Bestimmung der organischen Verordnung, hinsichtlich des äußeren Geschäftsbereiches und der Competenzverhältnisse des neuen Landgerichts wider Justizämter, sind folgende. Das Landgericht ist für den ganzen Umfang des Fürstenthums Lobenstein-Ebersdorf - so weit verfassungsmäßig die Obergerichtsbarkeit nicht von gutsherrischen Patrimonialgerichten ausgeübt wird - mit der Strafrechtspflege ausschließlich beauftragt. Es hat sich demgemäß damit zu beschäftigen, all diejenigen, in seinem Bezirke vollendeten Verbrechen und Vergehungen zu entdecken, zu untersuchen und zur Bestrafung zu bringen, welche seither der Competenz der Fürstlichen Justizämter in ihrer Eigenschaft als Justizbehörden unterlagen. - Dem Landgerichte sind mithin überwiesen und den Justizämtern entnommen. a) alle Verbal- und Real-Injuriensachen, b) die nach Maaßgabe des Gesetzes vom 12. November 1824 auf Anordnung der fürstlich gemeinschaftlichen Landesregierung zu führenden Untersuchung gegen Bankrottirer, c) die Untersuhung der Uebertretung der Verordnung vom 13. April 1811, die Theilnahme an fremden Lottospielen betreffend; d) die Untersuchung und Bestrafung der Uebertretungen des Zollgesetzes, der Verordnung wegen Einführung der Branntweinsteuer, der Verordnung über die Einführung der Salzregie und der Verordnung über Einführung der Braumalzsteuer, sobald diese Uebertretung überhaupt zur gerichtlichen Untersuchung gelangen; e) die Untersuchung und Bestrafung der gegen das Mandat vom 17. November 1835, die Handelsbefugnisse der Apotheker, Droguisten und Materialisten betreffend, vorkommenden Contraventionen. dem Justizamte Hirschberg sind innerhalb seines Sprengels noch fernhin geblieben, die Untersuchung und Bestrafung aller Verbal- und Realinjurien, welche nicht an befreieten Orten, oder nicht gegen obrigkeitliche Personen während der bezüglich ihrer Amtsverwaltung verübt werden, nicht in Pasquillen oder Schmähschriften bestehen, und welche nicht offene Wunden oder Lähmungen oder solche Körperverletzungen mit sich führen, die zwar Anfangs nur in Beulen bestehen, später aber aufbrechen, oder sonst auf kürzere oder längere Zeit einen nachtheiligen Einfluß auf die Gesundheit äußern; die Untersuchung der vorstechend unter c, d und e bezeichneten Gesetzesübertretungen. Die übrigen Obliegenheiten des Justizamtes Hirschberg in Bezug auf die Strafrechtspflege beschränkt sich auf die vorläufigen Verfügungen und Handlungen, welche die Aufklärung der Sache, bezüglich der schleunigen Berichtigung des Thatbestandes betreffen, somit auf die Abhaltung des ersten summarischen Verhörs. - Dem Landgerichte steht auch die Versorgung des Schubtransportwesens, nach Maaßgabe der Verordnung vom 9. mai 1809 allein zu."

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18.01.2015
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