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30.09.1957 Ernst Paul Kretschmer gestorben
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Diese Kurzbiografie verfassten Heidrun Friedemann und Gisela Meyer für die Ausgabe 1/2003 der Geraer Hefte.

 

Ernst Paul Kretschmer (1887-1957)

 

Der erste Stadtarchivar der Stadt Gera –

ein Leben für die Regionalgeschichte

 

Ernst Paul Kretschmer wurde am 24. Februar 1887 als Sohn des Wilhelm Paul Hermann Kretschmer, Schuhmachermeister, und seiner Ehefrau Minna Marie Auguste Caroline, geb. Eichler, in Gera geboren. Sein Geburtshaus befindet sich in der Querstraße 2. Die Kindheit verbrachte er in der Greizer Straße 47. 1893 wurde er in die Volksschule (Lutherschule) in Gera eingeschult, die er Ostern 1901 als Bester seines Jahrgangs beendete.

Von 1901 bis 1907 besuchte er das Fürstlich-Reußische Landesseminar Schleiz (Lehrerseminar). Seine erste Lehrprüfung bestand Ernst P. Kretschmer am 23. März 1907. Den Vorbereitungsdienst als Volksschullehrer und Stellenanwärter leistete er von April 1907 bis April 1909 an der Volksschule in Großaga. In dieser Zeit besuchte er Vorlesungen und absolvierte Praktika an den Universitäten Jena und Leipzig. Er belegte die Fächer Experimentelle Psychologie und Pädagogik, Geschichte und Naturwissenschaften. Nach kurzer Tätigkeit in Großaga wurde er 1909 an die Volksschule (Ostschule9 in Gera berufen, wo er seine Volksschullehrerprüfung (zweite Lehrerprüfung) am 26. Mai 1909 ablegte. Am 1. Juli 1909 nahm er seine Tätigkeit als Volksschullehrer in Gera auf. Die Mittelschullehrerprüfung am 25. April 1913 ermöglichte ihm den Einsatz an der Mittelschule in Gera, an der er bis 1920 in den Fächern Botanik, Zoologie, Physik, Chemie und Mineralogie unterrichtete. Seine berufliche Weiterentwicklung erfolgte durch die 1915 abgelegte Rektorenprüfung. 1913 hatte Ernst Paul Kretschmer Margarete Schindler, Eine Bauerntochter aus Trebnitz, geheiratet. Aus dieser Ehe gingen vier Söhne hervor.

Noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die aus dem Geschäftsgang ausgesonderten Registraturen der Stadtverwaltung weder geordnet noch sicher untergebracht. Der Informationsbedarf der städtischen Ämter richtete sich in der Regel nur auf einige wenige Aktengruppen. Eine öffentliche Nutzung des Archivgutes war nicht möglich. Aus diesen Gründen bemühte sich die Stadt Gera seitdem um einen Archivar, der das Schriftgut der Stadtverwaltung zentralisieren, ordnen und nutzbar machen sollte. Prof. Dr. Georg Mentz aus Jena unterbreitete den Vorschlag, diese Stelle mit Ernst Paul Kretschmer zu besetzen. Darauf hin wurde Kretschmer am 1. Dezember 1915 nebenamtlich zum Stadtarchivar in Gera berufen.

Vom 1. April 1920 bis zum 31. März 1922 war er vom Schuldienst beurlaubt. In dieser Zeit verfasste er in Zusammenarbeit mit Dr. Berthold Schmidt, Archivar am Fürstlich-Reußischen Hausarchiv Schleiz, das für Lehrer bestimmte Buch zur Heimatgeschichte „Geschichte des Reußenlandes“, welches 1923 in Gera erschien. Danach arbeitete er bis Ende 1942 wieder an der Mittelschule in Gera, zunächst als Reallehrer, ab 1927 als Realoberlehrer.

Da Ernst Paul Kretschmer von der Stadt nicht angestellt wurde, leistete er die Arbeit im Archiv zunächst neben seiner Lehrertätigkeit. Erst ab 1938 war er je zur Hälfte als Lehrer und Archivar beschäftigt.

Sein Verhältnis zur Stadtverwaltung in der Zeit zwischen 1933 und 1945 war nicht ungetrübt. Der damalige Oberbürgermeister Zinn, zugleich Kreisleiter der NSDAP, wollte auf die Mitarbeit Kretschmers verzichten und ließ ein vertrauliches Gutachten vom Stadtarchivdirektor, Dr. Flach, in Weimar erstellen. In fachlicher und sachlicher Hinsicht konnte ihm aber nichts nachgesagt werden, lediglich seine Mitgliedschaft in der Loge bzw. seine Verbindung zu Logenbrüdern wurde ihm angelastet. Es kam zwar nicht zur Amtsenthebung Kretschmers, aber seine Arbeitsbedingungen wurden massiv erschwert. Nach dem Krieg trat er nicht wieder in den Schuldienst ein, und ab Mai 1947 wurde er – obwohl kein NSDAP-Mitglied – aus politischen Gründen auch von seinem Amt als Stadtarchivar suspendiert.

Erst mit dem Amtsantritt Curt Böhmes als Oberbürgermeister (1948-1956) wurde Kretschmer nach 34-jähriger nebenamtlicher Tätigkeit am 12. Januar 1949 hauptamtlicher Stadtarchivar von Gera. Auf eigenen Wunsch schied er Ende 1952 nach langjähriger Krankheit aus dem Dienst aus.

Neben seiner Tätigkeit als Lehrer und Archivar engagierte sich Kretschmer in zahlreichen Vereinen und Organisationen. Seit dem 9. April 1925 leitete er die Kreisarbeitsgemeinschaft für die Geschichte des Stadt- und Landkreises Gera. Außerdem war er Mitglied im Geraer Museum- und Geschichtsverein, in der Gesellschaft von Freunden der Naturwissenschaften Gera und im deutschen Alpenverein, Sektion Gera.

Hervorzuheben ist sein Engagement in der Loge „Archimedes zum ewigen Bunde“ in Gera von 1916 bis zu deren Auflösung 1933. Er wirkte hier als zweiter Bibliothekar und Archivar und ab 1920 als Meister vom Stuhl.

Als Ernst Paul Kretschmer 1915 seine Tätigkeit als Archivar begann, lagerte das Archivgut der Stadt Gera in einem Keller unter der Küche des Ratskellers. Dank seiner Beharrlichkeit konnte 1922 ein an den Neubau des Rathauses angrenzenden Weinkeller erworben werden, der nach dem Umbau 1926 als Archiv genutzt werden. Daneben fanden Archivalien im Keller und auf dem Boden des Hauptgebäudes des Rathauses Platz. Kretschmer konzentrierte die vorhandenen Bestände und Neuzugänge nach dem Provienzprinzip, erstellte erste Findkarteien zu den städtischen Registraturen im Archiv und machte sie durch sachgemäße Aufstellung zugängig. Er vereinigte die älteren Registraturen mit der Urkundenabteilung. In den dreißiger Jahren begann er mit der Registrierung der Urkunden.

Am 27. September 1920 wurde erstmals eine Dienstordnung für das Stadtarchiv als Grundlage einer funktionellen Schriftgutverwaltung erlassen, die zugleich den öffentlichen Charakter des Archives festschrieb.

Kretschmer leistete umfangreiche Auskunftstätigkeit für die städtischen Dienstsellen, Wissenschaftler, Vereine und Privatpersonen. Dank seiner unermüdlichen Archivarbeit und seiner intensiven Kontakte zu anderen Archiven gelang es, dass 1927 unter seinem Vorsitz der 25. Thüringische Archivtag im Rathaus zu Gera stattfinden konnte. Neben der Arbeit an Akten- und Urkundenbeständen begann Kretschmer mit dem Aufbau umfangreicher Sammlungen. Zeitgeschichtliche Sammlung, Material- Bild- und Kartensammlung. Die Ratsbibliothek wurde erfasst, der Grundstein für die Archivbibliothek gelegt.

Kretschmer vor allem verdankt die Stadt Gera einen lückelosen Zeitungsbestand ab 1795.

Mit besonderem Interesse widmete er sich der wissenschaftlichen Forschung auf dem Gebiet der Regionalgeschichte, hier besonders der Kultur- und Kirchengeschichte, der Wirtschaft, der Ethnografie, der Genealogie und der Flurnamenkunde. Er hat ca. 640 seiner Forschungsergebnisse publiziert. Noch heute sind heimatkundlich interessierten Bürgern die „Geschichte der Stadt Gera und ihrer nächsten Umgebung“, Band 1, erschienen in Gera 1926, und die maßgeblich  von ihm getragenen „Heimatblätter“ der Geraer Zeitung bekannt. Viele andere Schriften sind Grundlage für stadt- und regionalgeschichtliche Forschungen.

Seine gesamten Arbeiten befinden sich heute als Nachlass im Stadtarchiv Gera und im Thüringischen Landesarchiv Greiz. In seinem Gutachten über die Sammlung Kretschmer schrieb Prof. Dr. Friedrich Schneider von der Friedrich-Schiller-Universität Jena: „Stadtarchivar Kretschmer hat sein Leben an die Durchforschung des Archivs und an die Darstellung der Geschichte der Stadt Gera und des Landkreises gesetzt. Sein Fleiß ist bekannt, seine Hingabe an die Arbeit verdient jede Anerkennung. Die Lebensarbeit Kretschmers wird kaum je wieder erreicht werden…“

Erwähnenswert ist schließlich noch sein Einsatznach 1945 bei der Sicherung von Beständen der Rittergüter im Landkreis Gera und der Akten der Fürstlich-Reußischen Vermögensverwaltung aus dem zerstörten Schloss Osterstein.

Ernst Paul Kretschmer hat, trotz oft unentgeltlicher Arbeit und unter widrigen Bedingungen, das Archivgut der Stadt Gera für die Gegenwart und die Zukunft bewahrt. Ihm verdankt das Stadtarchiv, die Leistung eines Archivs in das Bewusstsein der Öffentlichkeit und der Verwaltung gerückt zu haben.“

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18.01.2015
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