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18.10.1585 Heinrich Schütz geboren
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Dreißigjähriger Krieg
 
1618 brach der Dreißigjährige Krieg aus, dessen verheerende Auswirkungen nicht nur gut einem Drittel der deutschen Bevölkerung das Leben kosteten, sondern auch den fast völligen Zusammenbruch deutscher Kultur verursachten. Schütz schrieb selbst davon, wie „die löbliche Music von den anhaltenden gefährlichen Kriegs-Läufften in unserm lieben Vater-Lande Teutscher Nation nicht allein in grosses Abnehmen gerathen, sondern an manchem Ort gantz niedergeleget worden“. Er musste seine Ansprüche an Aufführungspraxis und Instrumentarien erheblich verringern, „damit mein von Gott verliehenes Talentum in solcher edlen Kunst nicht gantz ersitzen bleiben sondern nur etwas weniges schaffen und darreichen möchte“ (Widmungsvorrede des ersten Teils der Kleinen geistlichen Konzerte, Leipzig, 1636). Hinzu kamen wiederholte Pestepidemien. Nach dem frühen Tod seiner Frau im Jahr 1625 heiratete Schütz nicht wieder. Um den Anschluss an die neuesten Errungenschaften der Musik nicht zu verlieren, besuchte Schütz 1628 zum zweiten Mal Venedig bzw. dessen Umgebung, wo er über ein Jahr lang blieb. Dass er dabei Claudio Monteverdi begegnete, ist denkbar, aber nicht gesichert. Dort hörte er neue theatralische Musik und empfing so maßgebliche neue Impulse für sein Werk. Auch das erste Buch seiner Symphoniae sacrae, das er nach seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1629 veröffentlichte, zeugt von diesem Aufenthalt. Schütz lebte von 1629 bis 1657 in Dresden am Neumarkt 12, dem heute so genannten Quartier V. Die Dresdner Kapelle hatte jedoch schon in diesen Jahren so große Schwierigkeiten bei der Versorgung und Bezahlung ihrer Mitglieder, dass Schütz sich immer wieder nach Beschäftigungen außerhalb Dresdens umsah.
So war er froh, gleich zweimal ein Angebot des Königs Christian IV. von Dänemark und Norwegen annehmen zu können, bei großen Hochzeitsfeiern die Musik zu leiten. 1633 bis 1635 und von 1642 bis 1644 war er in Kopenhagen als dänischer Oberkapellmeister tätig. Außerdem arbeitete Schütz auch als musikalischer Ratgeber der Fürstenhöfe in Hannover, Wolfenbüttel, Gera, Weimar und Zeitz. Anlässlich der Trauerfeier für seinen Landesfürsten Heinrich Posthumus Reuß komponierte er 1635/1636 die Musikalischen Exequien. 1636 veröffentlichte er in Leipzig den ersten Teil seiner Kleinen geistlichen Konzerte, dem er 1639 einen zweiten Teil folgen ließ. Seine Publikationstätigkeit erreichte Ende der 1640er Jahre ihren Höhepunkt: 1647 erschien der zweite Teil der Symphoniae sacrae, 1648 die Geistliche Chormusik und 1650 der dritte und letzte Teil der Symphoniae sacrae. Seine seit 1645 immer wieder eingereichten Gesuche um die Versetzung in den Ruhestand wurden von Johann Georg I. allesamt abgelehnt; erst nach dessen Tod im Jahr 1656 gewährte sein Sohn Johann Georg II. von Sachsen Schütz einen weitgehenden Rückzug. Als „ältester“ Kapellmeister behielt Schütz seinen Titel allerdings bis an sein Lebensende.
 
Späte Jahre
 
Den Lebensabend verbrachte Schütz überwiegend in seinem Haus in Weißenfels, dem Ort seiner Kindheit. Aus dieser Zeit stammen seine drei Passionen nach Lukas (um 1664), Matthäus (1665) und Johannes (1666) sowie seine Weihnachtshistorie (1664). Sein letztes Werk ist die vollständige Vertonung des 119. Psalms (1671), aufgeteilt in elf Motetten, gefolgt von einer Vertonung des 100. Psalms und einem deutschen Magnificat. Der 119. Psalm ist der längste in der Bibel, und das gesamte Werk ist durchweg doppelchörig angelegt. Da es – von ihm selbst gewollt – seine letzte Komposition sein sollte, wird das Werk landläufig auch Schwanengesang genannt. Schütz starb im hohen Alter von 87 Jahren in Dresden. Er wurde in der alten Dresdner Frauenkirche beigesetzt. Mit ihrem Abriss 1727 ging auch seine Grabstätte verloren. Ein in den Kirchenboden eingelassenes Gedenkband in der heutigen Frauenkirche erinnert an diesen ersten deutschen Musiker von europäischem Rang.
 
Im Oktober 2010 wurden bei der Sanierung von Schütz’ Wohnhaus in Weißenfels zwei Textfragmente einer nicht mehr erhaltenen Komposition gefunden, in der unter anderem Psalm 10 vertont ist. Die Fragmente stammen aus der Zeit von 1650 bis 1660.
 
Musikalisches Schaffen
 
Heinrich Schütz gilt als der bedeutendste deutsche Komponist des Frühbarocks. Obwohl zunächst zum Organisten ausgebildet, komponierte er nach frühen Madrigalen in italienischer Sprache vor allem Vokalmusik zu deutschen geistlichen Texten, und zwar für die Hofgottesdienste ebenso wie zur höfischen Unterhaltung und Repräsentation. Als seine Hauptaufgabe sah Schütz die Bereitstellung von Musik zu außergewöhnlichen Anlässen wie großen Hoffesten oder politischen Ereignissen.
 
Die aus dem Zusammentreffen von Dreißigjährigem Krieg, Seuchen und sozialen Umwälzungen resultierenden schwierigen Lebensumstände trugen dazu bei, dass Schütz, der zunächst in eine durchaus glanzvolle Hofhaltung eintrat und bis zum frühen Tod seiner Frau ein glückliches Familienleben führte, später sein Leben als „nahezu qualvolle Existenz“ beschrieb. In seinen Werken haben sich diese Erfahrungen allerdings nur bedingt niedergeschlagen.
 
Schütz führte den neuen, aus Italien stammenden konzertierenden Stil mit obligatem Generalbass in Deutschland ein und vereinigte ihn mit der deutschen Bibelprosa. Seine meisterhafte „Übersetzung“ deutscher Texte in Musik – hier konnte Schütz auf seine Erfahrungen mit dem italienischen Madrigal zurückgreifen – hat seit jeher sein Publikum fasziniert. Neben der Bibelprosa (mit besonderer Bevorzugung der Psalmen) hat Schütz gereimte oder gar strophische Texte eher selten vertont, auch deshalb, weil er deutsche Dichtung nach dem Muster des italienischen Madrigals vermisste und sich nicht dazu in der Lage sah, selbst solche Texte zu schreiben. Gleichwohl hat Schütz mit bekannten Dichtern zusammengearbeitet; die Zusammenarbeit mit Martin Opitz führte zur Entstehung der Pastoralkomödie Dafne, bei der allerdings nicht gesichert ist, ob es sich um eine durchkomponierte Oper oder um ein Theaterstück mit Musik handelte.
Ein singuläres Beispiel für Schütz’ Auseinandersetzung mit der „heutigen Italianischen Manier […] des scharffsinnigen Herrn Claudii Monteuerdens“ ist sein Konzert „Es steh Gott auf“ (SWV 356) aus den ‘‘Symphoniae sacrae‘‘ II (1647, Zitat aus Vorrede).
Neben dem Stil mit Generalbass hat Schütz auch noch den älteren generalbasslosen Stil gepflegt und als Grundlage allen Komponierens hochgeschätzt. Das zeigen nicht nur seine Madrigale, sondern auch die Motetten der Cantiones sacrae von 1625 ebenso wie der Geistlichen Chormusik von 1648. Gerade die Verschmelzung beider Stile, die Arbeit mit Elementen des Konzerts ebenso wie mit solchen aus Motette und Madrigal, dabei der virtuose Umgang mit den Vokalstimmen ebenso wie mit den obligaten Instrumenten und die variable Handhabung unterschiedlichster Besetzungen (vom einstimmigen kleinen Konzert bis zu mehrchörigen, klangvollen Werken) zählen zu den besonderen Leistungen des Komponisten, die schon seine Zeitgenossen anerkannten.
 
Rezeption

Zu Lebzeiten wurde Schütz als „parens nostrae musicae modernae“, also „Vater unserer (d. h. der deutschen) modernen Musik“ tituliert. Die erste deutsche Musikgeschichte 1650 nannte ihn „den allerbesten teutschen Componisten“, auf seinem Grabstein wurde er als „seines Jahrhunderts hervorragendster Musiker“ (saeculi sui musicus excellentissimus) bezeichnet. Zu Schütz’ Schülern zählen u. a. David Pohle, Matthias Weckmann, Johann Theile, Adam Krieger und Johann Vierdanck. Trotz der Wertschätzung durch seine Zeitgenossen geriet er nach seinem Tod rund 200 Jahre lang in Vergessenheit.
 
Erstmals ausführlicher erwähnt wurde Schütz 1834 in Carl von Winterfelds Monographie über Giovanni Gabrieli. Ab 1870 führte der Leipziger Chorleiter Carl Riedel Werke von Schütz, vor allem seine Passionen sowie die Sieben Worte in eigenen Bearbeitungen wieder auf und machte sie somit einem größeren Publikum bekannt. Franz Liszt setzte sich für den Neudruck der Werke von Schütz ein. Anfang der 1880er Jahre führte Arnold Mendelssohn auf Anregung von Friedrich Spitta in Bonn mehrere Chorwerke wieder auf. Auch Johannes Brahms hat in Wien einige Werke von Schütz aufgeführt. 1885 begann Philipp Spitta mit der ersten Veröffentlichung von Schütz’ gesammeltem Werk.
 
Eine intensivere Schütz-Pflege, allerdings vor allem auf die Motetten der Geistlichen Chormusik konzentriert, begann in den 1920er-Jahren. Konsequenz war u. a. 1922 die Gründung einer ersten, kurzlebigen Heinrich-Schütz-Gesellschaft. Ihr folgte 1930 eine Neue Schütz-Gesellschaft, die später umbenannt wurde und noch heute als Internationale Heinrich-Schütz-Gesellschaft (ISG) mit sitz in Kassel besteht. Diese befördert mit jährlich veranstalteten Heinrich-Schütz-Festen oder Heinrich-Schütz-Tagen die Verbreitung und das Verständnis der Musik von Schütz. Einer der Mitbegründer, Hans-Joachim Moser, legte 1936 eine erste Biographie über Schütz vor, nachdem Erich Müller bereits 1931 eine Edition von Schützens Schriften und Briefen besorgt hatte. 1955 dann begann die ISG mit der Veröffentlichung einer Neuen Ausgabe sämtlicher Werke (Neue Schütz-Ausgabe), die mittlerweile 35 Bände hat (Stand: April 2012) und voraussichtlich bis auf etwa 43 Bände anwachsen wird. 1979 begann die ISG mit der Herausgabe eines Schütz-Jahrbuches, das seither jährlich erschienen ist und wichtige Aufsätze zum Komponisten und seinem Umfeld enthält.
Neben der Neuen Schütz-Ausgabe erscheint, von Günter Graulich herausgegeben, die Stuttgarter Schütz-Ausgabe, die auch aufführungspraktischen Bedürfnissen entgegen kommt. Begleitend dazu entsteht unter der künstlerischen Gesamtleitung von Hans-Christoph Rademann und einer Kooperation des Dresdner Kammerchores mit dem Carus-Verlag Stuttgart und MDR Figaro eine Heinrich-Schütz-Gesamteinspielung. Auch der italienische Cembalist und Dirigent Matteo Messori erarbeitet derzeit mit dem Ensemble „Cappella Augustana“ eine Gesamteinspielung der Werke von Heinrich Schütz, mit einem Umfang von mehr als 35 CD, von denen bereits 19 erschienen sind (Stand: September 2011).
 
Die vier wichtigen deutschen Lebens- und Wirkungsstationen (Bad Köstritz, Weißenfels, Kassel, Dresden) sind noch immer mit Heinrich Schütz verbunden: In Bad Köstritz, Weißenfels und Dresden findet mit dem Heinrich-Schütz-Musikfest ein jährliches Festival Alter Musik zu Ehren des Komponisten statt. Die südafrikanische Heinrich-Schütz Gesellschaft (mit Sitz in Bloemfontein) organisiert alljährlich eine Chorwoche unter Leitung eines aus Deutschland angereisten Chorleiters oder Kantors. Im Durchschnitt nehmen 120-150 Sänger und Musiker an diesen Treffen der SAHSG teil.
 
Gedenktage

Evangelische Kirche in Deutschland: 6. November im Evangelischen Namenkalender
Evangelisch-Lutherische Kirche in Amerika: 28. Juli
Lutherische Kirche – Missouri-Synode: 28. Juli
 
Denkmäler
 
In Bad Köstritz gibt es zwei Denkmäler. Das ältere befindet sich unterhalb der Kirche am Kirchberg. Das zweite Denkmal befindet sich in der Heinrich-Schütz-Straße gegenüber dem Heinrich-Schütz-Haus. Es wurde 1985 von Berndt Wilde erschaffen und besteht aus drei Relieftafeln. In drei Bildern wird der Kampf zwischen den Mächten des Guten und des Bösen in der Zeit von Heinrich Schütz dargestellt. Dabei geht es um die Gegensätze von Liebe und Leid sowie Leben und Tod.
In Dresden erinnert unweit des Zwingers in der Grünanlage westlich des Zwingerteichs eine 1985 errichtete Stele an Schütz’ Wirken in Dresden. Berndt Wilde schuf dieses Denkmal 1972, das aus einer Sandsteinstele besteht, an der Bronzeplatten mit Szenen aus Schütz’ Zeit dargestellt sind.[10] Am 2008 wiedererrichteten Wohnhaus (Neumarkt 12) von Heinrich Schütz, in dem der Komponist von 1629 bis 1657 wohnte, erinnert eine originale Gedenktafel an sein Leben und Wirken. Die Gedenktafel wurde in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 unter den Trümmern des Hauses verschüttet, anschließend geborgen und in der Heinrich-Schütz-Kapelle bis zum Wiederaufbau des Hauses im Jahr 2008 durch das Martinshof Rothenburg Diakoniewerk gelagert. Der Betreiber der "Heinrich Schütz Residenz" ließ die Gedenktafel restaurieren und am alten Platz anbringen.

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Tintenglas mit Feder
 
 
18.01.2015
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