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04.1912 Ein Brief von Otto Dix
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Lieber Hans!

Deinen Brief habe ich erhalten. Ich sehe aus diesem, daß Du nicht nur körperlich krank, sondern auch geistig nicht ganz gesund bist. Hat denn der Vegetarismus mit Schwof und Geschlechtsliebe etwas gemein? Oder denkst Du die Vegetarier sind Pfaffen, die den Menschen jedes menschliche Bedürfnis absprechen wollen? Denkst Du etwa das sind Leute, die ihren Körper durch alle möglichen Entsagungen kasteien? Denkst Du, daß deine resignierende Anschauung richtig ist, die nur aus Entsagenmüssen entspringt, nicht aus Überwindung? Ihr Pessimisten seid nicht besser als Pfaffen, kein bischen besser. Du behauptest, daß „in unserem Alter jeder Geschlechtsverkehr schädlich ist“. Das ist Quatsch! – Weiter, zu Deinen „Schicksalsschlägen“. Meinst Du, das „Stellung wechseln“ auch ein Schicksalsschlag ist? – Schreibt nur alles dem Schicksal zu (die Christen nennen es Gott), diesem unbekannten Etwas, damit ihr nicht selbst die Verantwortung tragen müßt! Deine Krankheit ist noch lange kein Grund am Leben zu verzweifeln und sich vom Schicksal umwerfen zu lassen. – Göttlichen Humor traust Du Dir noch zu? Ich merke garnischt davon. Wie reimt sich denn der göttliche Humor mit der „Beleidigung Deiner Mitkranken“ etc. zusammen? Meinst Du nicht, daß ein göttlicher Humor auch darüber siegt? – Doch nun mal Schluß mit den Gehässigkeiten. Mein Vegetarismus ist keine aufgezwungene Sache, wo ich mich wie mancher erst „überwinden“ müßte und heiß kämpfen, nein, mein Körper fügt sich willig dem Geist, ohne zu revoltieren. Das ist das erste Anzeichen des gesunden Vegetarismus. Nimm mirs nichts übel Hans! Aber Du bist noch furchtbar pedantisch. Du möchtest in die Großstadt, aber das Geld für 1 (einen) Monat Unterhalt fehlt Dir. – Wozu gibt’s denn Kredit? Den willst Du also Deinen alten Herrschaften zur Last fallen und die Gerschen sollen dann sagen „seht er ist auch wieder da bei Muttern“. – – Es wird so sacht dämmrig in meiner Bude und die Nacht kriecht aus den Ecken hervor. Ich muß nachher fortsetzen –. So jetzt habe ich Abendbrot gegessen, die Lunge angebrannt, jetzt geht’s weiter – –. Ich wünscht blos, Du kämst mal in eine solche Sphäre, in der ich jetzt bin, damit Du mal andere Gedanken kriegst. Da herrscht eine Freude, Fröhlichkeit, Leichtsinn. Geldsorgen, Nahrungssorgen sind den Bohemens  Kleinigkeiten, sie sind eben darüber hinaus, das immer das anständige Leben (wie der Philister sagt), d. h. immer genug zu essen, zu trincken haben, allein glücklich macht. Du wirst behaupten, „solche Menschen muß die Nation miternähren, sie sind der Krebsschaden der Nation“. Ich behaupte das Gegenteil. Sie sind die Träger der Kultur. Sie behaupten in all dem Hasten und Jagen des modernen Lebens die alte Freude, Kraft und Unbeugsamkeit. Das ist mehr wert als die fetten Pfründe eines guten Gewissens und vollen Magens. Sie sind Menschen mit eigner Anschauung, bei ihnen kann man nicht sagen wie Rideamus „Wer nichts ist und auch nichts hat, wird gewöhnlich Sozialdemokrat“ – – Du gehst also immer noch mit dem „Goscherl“? Mensch hast Du ne Ausdauer. Das Du Dich schon so frühzeitig bindest, hat gar keinen Zweck. Du wirst doch dabei zum Stubenhocker. Oder meinst Du, daß Du Dich trotzdem noch ausleben kannst? Vom Philisterstandpunkt aus gesehen mußt Du auch „solid“ sein, wenn wie [sic] es Deine Braut ist. Hast Du wirklich das „Weib“ schon gefunden? – Na, ich will Dich aber nicht etwa aufhetzen. Ich wünsch Dir viel Glück mit ihr. Hoffentlich bist Du später nicht enttäuscht. – Heute war […] Aufnahme, morgen beginnt die Schule; ich muß in diesem Semester sehr viel arbeiten und lernen. Ich habe das Faulenzen während der Ferien dicke. Ich habe an die „Meppendorfer Blätter“ eine Einsendung gemacht, die hat man mir höflich retourniert. Weist Du nicht mal einen recht blöden, naiven Witz, wo ich ev. die Illustration dazu machen kann? Aber gesucht darf er nicht sein.

Schreib mir recht bald wieder dein Otto.

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Tintenglas mit Feder
 
 
18.01.2015
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