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1912 Ein Brief von Otto Dix
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Mon cher ami!

Dein letzter Brief machte einen recht schlappen Eindruck. Du scheinst immer sentimentaler zu werden. Das macht wohl Deine Liebe, was? Haha. Du hast wohl sogenannten „Liebeskummer“. Schäm Dich was. Wenn Du nicht entsagen lernst, lernst Du auch nicht kämpfen. Du beneidest mich hier in Dresden. Denkst Du vielleicht, ich esse Zuckererbsen? Ich muß kämpfen, hungern und entsagen. Und gerade das alles macht mich fest und widerstandsfähig. Du denkst vielleicht, ich habe guten Stand bei den Herren Professoren. Einige Urteile über mich. Ornament-Prof. Hfr. (Hofrat) Rade: Ja Dix malen können Sie, da kann ich Ihnen nischt mehr lernen. Sie sind der zweite Slevogt oder der zweite Rembrandt, aber – zeichnen können Sie nich. Blumen-Prof. Mebert: Es liegt viel Persönliches in Ihrer Arbeit, die Farbstimmung ist gut, aber besser zeichnen, besser zeichnen. Figur-Prof. Türk: Es hat Rasse, aber schmieren Sie bitte nicht so. Das heißt alles mit anderen Worten „Seien Sie brav und nicht außergewöhnlich, Sie sind jedoch nich Handwerker und da müssen Sie den Leuten gefallen!“ Aber daß mal einer etwas Höheres erreichen will, daran denkt niemand. Aber ich muß es. Unser großer Meister Böklin war nicht brauchbar (nach Ansicht der Prof. zurecht) für die Akademie. Und Menzel mußte in der Gipsklasse der A. d. b. K. (Akademie der bildenden Künste) Valet sagen, „weil er nicht zeichnen konnte“. So ein Unsinn!!! Zeichnen konnten diese beiden Meister wie vielleicht kein zweiter , aber – brav waren sie nicht. Das ist der Kasus. Nur alles unter einer Schablone Ihr Handwerksgesellen!!! Das ist die Parole. Aber merkst Du, daß ich deswegen klage. Nee das macht mich nur noch fester. Also sei ein Mann, ein Künstler und kein sentimentaler Durchschnittsmensch. Du wirst nämlich immer süßer Gruß Otto Dix

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Tintenglas mit Feder
 
 
18.01.2015
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