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1911 Ein Brief von Otto Dix
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Lieber Hans!

Aus Deinem Brief sehe ich richtig das Kind unserer Zeit. Auch ich bin ein solches, mit meiner Anschauung über Kunst. Was ist individuell? Das Hinzutun des Ichs in die Natur. Unsere ganze Zeit ist ichsüchtig. Vom niedrigsten Schüler bis zum größten Meister. Und Du hältst mein Streben nach Natur, nach reiner Natur ohne heroischen Balg, für Stil? Ist es nicht tausendmal edler, größer sich bemeistern können und nur die Natur zu sehen als überall das „Ich“ mit hinein bringen? (ich meine nur die Materie der Natur sehen) Selbstverständlich wird aus jeder Naturstudie, die ich mache, ein persönliches Erlebnis. Aber man soll eben nicht so viel erleben, sondern lieber nach der Art der Dillettanten die Natur abschreiben. Du wirst das verkehrt auffassen, weil Du selbst nicht bildender Künstler bist. Aber ich meine, zuerst muß man mal ein festes Fundament haben, ehe man sein Haus bauen kann. – Über unsere Lebenskunst schreibst Du, „wir wären Popanze“. Sind wirs heute nicht mehr? Es mag der Fall sein, das in meinen Briefen immer eine Anschauung die andere auffrißt. Mir ist es überhaupt jetzt furchtbar wüst im Kopf. Du scheinst an der Einbildung zu leiden, daß Deine Anschauungen geläutert sind und daß Du schon Mann bist. Dann wirfst Du mir vor, daß ich mich vor manchen Wahrheiten ekele. Das ist durchaus nicht der Fall. Im Gegenteil, ich suche mir jetzt überall wehzutun und suche gerade die unangenehmen Wahrheiten. – Ich pflege jetzt meinen Körper mehr als sonst, weil ich in einem gesunden Körper den Träger eines gesunden Wissens sehe. Ich bin Vegetarier, wenn auch noch nicht ganz rein. Auch genieße ich kein Alkohol. Nur das Rauchen muß ich mir noch abgewöhnen. Sport fehlt mir, recht gefährlicher, aber gesunder Sport. Erst kommt der Körper, dann der Geist. Erst soll man den Körper nähren, dann den Geist. Was waren doch die Spartaner für ein prachtvolles Geschlecht! Was ist unsere Kunst gegen die griechische. Krankhaft geistreich (auch die meinige). – Hälst Du es für Sünde, wenn man die Ansichten großer Männer studiert? Oder wenn man wissenschaftlich sein möchte? Nietzsche sagt zu den Künstlern „Könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?“ – Lieber Hans! Du schreibst, ich soll Dich besuchen, aber ich habe leider gar keine Zeit. Und wenn es nur nicht so teuer wäre! Deine Krankheit hat mich in Erstaunen gesetzt und in Schrecken zugleich. Wie hast Du Dir daß denn geholt? Ich rate Dir auch Vegetarier und Antialkoholiker zu werden, wenn Du wieder ganz gesunden willst. Denn jedes Gift, was Du Deinem Körper durch Fleisch und geistige Getränke zuführst, wird die Krankheit wieder hervorbrechen lassen. – Schreibertechnik habe ich nicht, Du mußt Dir meine Briefe selber technisch konstruieren. Schreibe bald wieder.

Baldige Genesung wünscht Dir von Herzen Dein Otto.

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Tintenglas mit Feder
 
 
18.01.2015
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