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22.08.1968 Protest gegen die Lage in der CSSR
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Kollege XXXXX

Hiermit erkläre ich meinen Austritt aus der Partei. Ich bin entsetzt über die Ereignisse in der CSSR. In meinen Augen als Pazifist stellt diese Intervension (Intervention, die Red. d. Chronik) einen brutalen Verstoß gegen das Völkerrecht dar, das ich mit meinem Bewusstsein in keiner Weise vereinbaren kann. Einer Partei, die solche Dinge unterstützt, kann ich nicht angehören.
Einen Teil meines Urlaubs verbrachte ich in der CSSR und suchte dort das politische Gespräch mit den Bürgern. Mir wurde klar, daß ich bei uns bewußt falsch informiert worden bin, was während der gegenwärtigen Situation auch der Fall ist.
Nach meine Urlaub am 29.8. bin ich gern bereit, eventuelle Fragen zu beantworten.

            Gera den 22.8.1968

(Quelle, Bundesarchiv, MfS, BV Gera AU 1303/68, Band I)

Anmerkung des Autors der Gera-Chronik

Das war natürlich eine Art von Urteil über die Selbstabgrenzung aus einem Staat, den er nicht verlassen konnte, was der junge Gerd Frank für sich  gesprochen hatte. Wer sich so mit der Partei und den Oberen der DDR anlegt und ihnen Fehler vorwirft, der hatte mit massiven Repressalien und Konsequenzen zu rechnen. Da war der Parteiaustritt das kleinste Übel. Der Brief war sehr naiv und unbedacht geschrieben, zeigt allerdings auch, dass speziell die junge Generation in der DDR zu dieser Zeit noch daran geglaubt hatte, in der DDR etwas zu verändern. Genau das Gegenteil davon geschah dann in den nächsten gut 20 Jahren. Es wurde noch schlimmer und das Lügengebäude DDR wurde erst 1989 durch mutige Demonstranten zum Einsturz gebracht. Im gesamten Ostblock wurde in der Zeit von 1950 und 1989 an einigen "Ecken" der Aufstand geprobt. 1953 in der DDR. 1956 in Ungarn, 1968 in der CSSR, 1981 in Polen und 1989 wieder in der DDR.

Die Parteileitung der Druckerei "Volkswacht" versuchte noch Gerd Franke "umzustimmen". Nach der Aussprache musste die Parteileitung jedoch ins Protokoll schreiben, dass Gerd Franke die Bemühungen der Genossen nicht annahm, ihn von seiner falschen Ansicht zur Lage in der CSSR zu überzeugen. Er meine immer noch, dass die CSSR die Bruderländer nicht um Hilfe gerufen habe. Die Leitung zeigte ihm auf, "das er bei seiner Rückkehr ins Gespräch mit bewussten und erfahrenen Genossen unklare Fragen hätte diskutieren müssen. Er aber hat sich die Argumentation der feindlichen Kräfte zu Eigen gemacht."

Gerd Franke blieb bei seiner Einschätzung und lies sich vorerst nicht beirren.

Seine innere Aufruhr gegen die Niederschlagung eines demokratischen Sozialismus im Nachbarland blieb. Mit zwei Freunden und einigen CSSR-Urlaubsbegleitern planten sie deshalb eine öffentliche Protestaktion. Geeignet erschien das Anfertigen und Verteilen von Flugblättern. Allein verteilte er dann die Flugblätter am Abend des 26. August 1968 in den Straßen des Geraer Ostviertels, seinen Freunden war die Aktion zu gefährlich geworden.

Am 29. August 1968 wurde Gerd Franke in der Druckerei verhaftet. Nach der Verhaftung wurde ihm vom MfS die Aussage eines Freundes vorgelegt. In einem Protokoll vom 6. September 1968 hatte dieser gegenüber dem MfS bereut, die Aktion aus falsch verstandener Freundschaft nicht verhindert zu haben. er wurde am 11. September 1968 verhaftet und später zusammen mit Gerd Franke verurteilt.

Gerd Franke erhielt 3 Jahre und 6 Monate Gefängnis und sein Freund nach Abmilderung des Antrags der Staatsanwaltschaft immer noch 2 Jahre.

Gerd Franke wurde zum Haftantritt Anfang Dezember 1968 in ein geheimes Straflager des MfS nach Berlin-Hohenschönhausen gebracht, welches dahingehend ausgelegt war, die Persönlichkeit und Standfestigkeit politischer Gegner und Kritiker dauerhaft mit kaum vorstellbaren, menschenverachtenden Praktiken psychisch und physisch zu brechen. Als Konsequenz aus dieser Behandlung stellte er 1069 einen Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR (Ausreiseantrag) und gelangte durch einen Häftlingsfreikauf der Bundesregierung unter der Kanzlerschaft von Willy Brandt im September 1970 in die Bundesrepublik Deutschland.

(Quelle "Eisiges Tauwetter" Der Prager Frühling 1968 Geraer Ansichten, aus einer Dokumentation der Gedenkstätte Amthordurchgang e.V. in Gera)

Mike Strunkowski für die Gera Chronik im Januar 2010

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18.01.2015
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