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1854 Der Walkmühlenplatz in Gera
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Der Walkmühlenplatz wurde zuvor auch als "Anger", dort wurde das städtische Vieh geweidet, oder als "Karnickelmarkt" bezeichnet.

Der Walkmühlenplatz wurde im 17. Jahrhundert noch allgemein zum Anger gerechnet. Auf dem linken Mühlgrabenufer, direkt gegenüber der alten Angermühle, lag die Geraer Walkmühle. Dort wurden die von den ansässigen Tuchmachern aus Schafwolle gewebten Tuche unter dem Zusatz von einfacher Seife und von Tonerde in Mühlen aus Holz und Stein durch schwere Holzhämmer geklopft und geschlagen. Man sprach auch in der Fachsprache von "Walken". Grobe gezimmerte Nockenwellen hoben die schweren Hämmer an, die in einem bestimmten Rhythmus auf das nasse Tuch, die sogenannte Walkware", nieder fielen und damit den Menschen in diesem Industriezweig eine sehr harte körperliche Arbeit abnahmen. Allerdings war die Arbeit in der Mühle immer noch hart genug. Durch das Schlagen, das Walken, trat bei den Tuchfasern ein sogenannte Verfilzung ein, welche dann dem Stoff eine größere Dichte und damit auch Festigkeit gab. Nach dem Walken wurde das Tuch sehr gründlich gewaschen und im angrenzenden Mühlgraben gespült, da die Seife und die Tonerde wieder entfernt werden mussten. Die Gerber bearbeiteten ihr Leder fast auf die gleiche Weise, auch sie brauchten Unmengen von Wasser für die Verrichtung ihrer Arbeit, wozu sie auch den Geraer Mühlgraben nutzten.
Die Geraer Walkmühle gehörte der Landesherrschaft und wurde in der Regel, so war es zu dieser Zeit noch üblich, für maximal drei Jahre an die Bewerber verpachtet. Damit war die erste Vertragsdauer gemeint, da man nicht langfristiger dachte. Im 17. Jahrhundert war die Walkmühle allerdings kurzzeitig an die Stadt Gera verpachtet worden. Im Jahr 1852 verkaufte die fürstlich-reußische Kammer die Walkmühle zu gleichen Teilen an die Gewerbe der Tuchmacher, Weißgerber und der Zeugmacher, da sie die Mühle für die Ausübung ihrer Gewerke gleichermaßen benötigten. Weil die Geraer Walkmühle nun von vielen Meistern benutzt wurde, was der Sinn des Verkaufs war, war sie nun Tag und Nacht in Betrieb. Als Grundlage zur Abrechnung der Nutzungsgebühren wurden sogenannte Kerbhölzer geführt, die jedem der Meister ausgehändigt wurden.. Man hatte einen Holzstab in zwei gleiche Stücke gespalten, eines  dem Gewerbetreibenden, dem Meister des Fachs, und eines dem Gewerbemeister von der Stadt anvertraut. Die Hölzer wurde aneinander gelegt und mit Kerben versehen, um die Anzahl der Ware zu dokumentieren. Und zwar über beide Hölzer hinweg. Sie waren damit in der Anzahl der Kerben identisch und und eindeutig abrechenbar für beide Seiten.
Als der Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) am 18. August 1813 auf seiner Rückreise von Teplitz (Nordwestlich von Prag) in Gera übernachtete, trug er folgendes in sein Tagebuch ein: "Gera Grüner Baum schlimm wegen Nähe einer Schneidemühle". Zugegebener Maßen klang das für den bekannten Dichterfürsten nicht wirklich poetisch, aber er meinte das Hämmern und Schlagen der Walkmühle, welche ihm offensichtlich des Nachts wohl den Schlaf geraubt hatte. Der Eintrag in sein Tagebuch sollte ihn wahrscheinlich davon abhalten, in dieser Geraer Pension noch einmal ein zu kehren.

Mike Strunkowski für die Gera-Chronik im Dezember 2009

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18.01.2015
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