Rolle oben
1647 Wie das "Meistergässchen" entstand
<<< zurück zur Chronik

Der Landesherr, welchem die Geraer Gerichtsbarkeit unterstand, ließ sich nach dem Teilungsrezess von 1647 für jede neue Belehnung 100 Gulden von dem das Amt des Geraer Scharfrichters neu angetretenen Bewerber auszahlen. Der für diese Zeit recht ungewöhnlich hohe Erbzins von 12 Gulden im Jahr belegte, dass dieses grausige Gewerbe der öffentlichen Hinrichtungen, doch überaus einträglich war. Neben den Hinrichtungen, meist wurde den Delinquenten der Kopf abgeschlagen und sie wurden erhängt, gehörte auch das Betreiben einer Abdeckerei zu den Pflichten des Inhabers der "Meisterei", wie sie kurz genannt wurde. Verendete ein Haustier in Gera oder in den zur Herrschaft Gera gehörenden Orten, musste dies wegen der drohenden Seuchengefahr auch dem Scharfrichter gemeldet werden. Den dieser holte die Kadaver ab und verwertete sie fachgerecht. Gegen die Bezahlung von 4 bis 6 Groschen konnte er die Haut des Tieres behalten und zur Weiterverarbeitung verkaufen. Der Geraer Scharfrichter war außerdem verpflichtet, das Fleisch der verendeten Tier, soweit noch nicht völlig verdorben, zur Unterhaltung der herrschaftlichen Jagdhunde des Haus Reuß zu liefern und damit verbunden in den herrschaftlichen Höfen und Vorwerken ohne Entgelt abzudecken. Die hohen Herrschaften wollten den Service kostenlos in Anspruch nehmen, obwohl sie es sich im Gegensatz zu den einfachen Bürgern eigentlich hätten leisten können. Ob das unverdorbenen Fleisch der Tiere in den Zeiten des Mangels immer zu Hundefutter verarbeitet wurde, bleibt an zu zweifeln.
Im Grundstück Meistergässchen 10 befand sich das 1874 eröffnete städtische Leihhaus in Gera. Die bereits in den Jahren 1503/05 erwähnte Judenschule befand sich ebenfalls schon früh in dieser alten Geraer Gasse und wurde in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 von den Nationalsozialisten verwüstet.
Das "Meistergässchen", welches über die Jahrhunderte auch die Bezeichnungen "Abdeckergässchen" und "Schindergässchen" getragen hatte, wurde beim alliierten Bombenangriff auf Gera am 6. April 1945 zusammen mit dem "Walkmühlerplatz" und der "Heinrichstraße" nahezu vollständig zerstört. Das letzte erhalten gebliebene Gebäude wurde zu Beginn der 1960er Jahre abgetragen. Nach dem Bau des Interhotels in der Mitte der 1960er Jahre wurden in der ausgehenden 1990er Jahren auf dem Gelände die "Gera-Arkaden" errichtet.

Mike Strunkowski für die Gera-Chronik im Dezember 2009

<<< zurück zur Chronik
Rolle unten
Tintenglas mit Feder
 
 
18.01.2015
77 neue Artikel