Rolle oben
24.02.1887 Ernst Paul Kretschmer geboren
<<< zurück zur Chronik

Neben seiner Lehrertätigkeit war Ernst Paul Kretschmer ab dem Jahr 1915 bis 1949 nebenberuflich als Geraer Stadtarchivar angestellt und führte das Archiv bis 1952 auch hauptamtlich. Ernst Paul Kretschmer ordnete die bis dahin eher unsachgemäß gelagerten bedeutenden Archivalien der Stadt Gera. Der Konzentration und die Erschließung der Altbestände des kommunalen Archivgutes durch ihn war die Profilierung des Geraer Geschichtsnachlasses als wissenschaftliche Forschungseinrichtung zu danken. Durch seine über 640 wissenschaftlichen Veröffentlichungen erwarb er sich bleibende Verdienste und die Regional- und Stadtgeschichtsforschung. Besonders hervorhebenswert ist seine "Geschichte der Stadt Gera" und ihrer nächsten Umgebung aus dem jahr 1926.
Zu Lebzeiten blieb Ernst Paul Kretschmer leider die verdiente Anerkennung, wie vielen anderen Wissenschaftlern neben ihm auch, versagt. Sein Arbeitgeber war leider nicht einmal in Ansätzen dazu fähig einzuschätzen, welche Leistung er mit der umfassenden Ordnung der kommunalen Archivalien und dem Aufbau eines endlich leistungsfähigen Stadtarchives einerseits für die Geschichtsforschung und andererseits auch für die laufende Verwaltungsarbeit geleistet hatte.
Obwohl Ernst Paul Kretschmer sich weiterbildete und am 3. Mai 1915 seien Rektoratsprüfung abgelegt hatte, endete später seine schulische Laufbahn lediglich als Realoberlehrer.
Nach den Wirren der Novemberrevolution im Jahr 1918 und dem damit verbundenen Ende des Kaisereiches, wurde er von den Sozialdemokraten und den Kommunisten als "Fürstendiener" des Hauses der zu Reuß diffamiert, weil er, um über die Baugeschichte von Schloß Osterstein schreiben zu können, einen häufigen Umgang mit Heinrich XXVII. Reuß pflegte.
Auch von den Nazimachthabern wurde er als ehemaligen Meister vom Stuhl der Loge "Archimedes zum ewigen Bunde" misstrauig beäugt.
Obwohl er nie mit den Nationalsozialisten zu tun hatte, wurde er nach 1945 vom Schuldienst wegen nationalsozialistischer Zusätze in von ihm herausgegebenen Werke, zu denen die Nazis ihn gezwungen hatten, suspendiert. Die mehrfach wechselden gesellschftlichen Verhältnisse in Deutschland ließen Ernst Paul Kretschmer immer wieder sich zwischen alle Stühle setzen. In einem von ihm verfassten Schreiben an den Landrat Hermann Drechsler von 4. Juni 1945 schilderte er seine Zurücksetzung während der Nazidiktatur mit den Worten: "In den letzten 12 Jahren ständig zurückgesetzt, von jeder Beförderung ausgeschlossen, von der Gestapo als ehemaliger Freimaurer überwacht, von "Parteigrößen" schikaniert und aus weltanschaulichen Gründen von unterrichtlicher Tätigkeit auf dem Gebiete der Geschichte, der Biologie und des Gesinnungsunterrichtes ausgeschlossen, hat man mir nur den Fachunterricht auf chemischen Gebiete belassen."
Im Jahr 1948 entlastete ihn die Entnazifizierungskommission des Rates der Stadt Gera von dem Vorwurf der Belastung durch nationalsozialistische Bestrebungen. Ernst Paul Kretschmer konnte nun belegen, dass er bei dem von ihm verfassten Buch "Fünfhundert Jahre Ferber zu Weißenfels und Nachkommen, 1939" nur der Bearbeiter gewesen war; und das bei "50 Jahre Gera-Greizer Kammgarnspinnerei 1890-1940", der Kreisleiter von ihm nationalsozialistisch korrekte Zusätze unter Hinweis auf andere Industriegeschichten verlangt habe unter dere Androhung, das Erscheinen des Buches zu verhindern.

<<< zurück zur Chronik
Rolle unten
Tintenglas mit Feder
 
 
18.01.2015
77 neue Artikel