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03.06.1955 In der Volkswacht geblättert
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Gera, Freitag, den 3. Juni 1955

Hast du schon verglichen?

Zwei Verträge, die für uns Deutsche viel bedeuten, sind in diesem Jahr abgeschlossen worden:
Die Pariser Verträge, denen der Bonner Bundesstaat beitrat und unter die Adenauer seinen Namen schrieb, und
Der Warschauer Vertrag, den unser Ministerpräsident für die Deutsche Demokratische Republik unterzeichnete.

Zwei Verträge – zwei Wege

Diese beiden Verträge unterscheiden sich grundsätzlich voneinander.

Die Pariser Verträge und diejenigen, die sie abschlossen, die USA- und westdeutschen Imperialisten und die übrigen Unterzeichnerstaaten des imperialistischen Europas, lehnen es ab, mit der Sowjetunion zusammen einen Vertrag für europäische kollektive Sicherheit abzuschließen. Sie bilden einen Militärblock, der den Überfall auf die Länder des Friedens, der Demokratie und des Sozialismus zum Ziele hat.

Die Pariser Verträge sind also Aggressionsverträge.

Die Pariser Verträge richten sich gegen Deutschland, weil sie den deutschen Militarismus wieder errichten, die Besetzung Westdeutschlands verewigen, die Souveränität mit Füßen treten und die friedliche Wiedervereinigung verhindern.

Der Warschauer Vertrag und seine acht Staaten des Lagers des Friedens, der Demokratie und des Sozialismus, die ihn unterzeichneten, sie sind bereit, jeden anderen Staat aufzunehmen. Wenn ein Pakt der europäischen kollektiven Sicherheit abgeschlossen werden sollte, so sind sie weiter bereit, den Warschauer Vertrag außer Kraft zu setzen.

Der Warschauer Vertrag ist also ein Verteidigungsvertrag

Der Warschauer Vertrag ist also für Deutschland. Er erkennt die Souveränität aller Länder, auch der Deutschen Demokratischen Republik, an, er unterstützt unseren Willen und unseren Kampf zur friedlichen Wiedervereinigung unserer Heimat.

Du erkennst also:

Die Pariser Verträge richten sich gegen die Völker, gegen uns Deutsche, sie bringen den Krieg und den Tod!
Der Vertrag von Warschau festigt die Völkerfreundschaft, er sichert den Frieden und unser Leben!

Kommentar des Autors

Die Differenzen zwischen den ideologischen Lagern waren seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges immer unüberbrückbarer geworden. Die Westseite rückte glücklicher Weise keinen Meter von ihrem Freiheitsdrang, der erfolgreichen sozialen Marktwirtschaft und dem westeuropäischen Bündnis ab. Dort war die Regierung nicht bereit den Forderungen der Sowjets nachzugeben, alles und jeden zu enteigen, alles zu kollektivieren, die Menschen zu bevormunden, ein Einparteiensytem zuzulassen und später sogar noch gewaltsam einzusperren. Man wollte niemanden zum sozialistischen Menschen erziehen, welcher dann alles zu bejubeln hatte, einem Personenkult zu huldigen hatte und zum Freund der Sowjetunion werden musste. Das dieser Sozialismus gegen jeden Menschenverstand war hatte viele erkannt, waren aber spätestens ab dem 13. August 1961 in der DDR eingesperrt worden. Wer seine Bürger gewaltsam an der Ausreise aus der DDR hindert war gar nicht an einer Wiedervereinigung interessiert. Die war aber zu dieser Zeit auch mehr als illusorisch.

Im Jahr 1955 waren noch nicht alle Betriebe in der DDR sozialistisch gleichgeschaltet, kollektiviert oder enteignet. Da wollte man sich noch gegenseitig zum Sozialismus anstacheln. Und so schrieb man in die Zeitung folgenden Artikel.

Peinlich für die Großen

Mit Freude haben wohl alle, die sich noch an den Aufruf der Werktätigen des VEB (K) Maschinenfabrik Greiz erinnern, in den letzten Tagen vernommen, dass es den Greizer Maschinenbauern im ersten Quartal dieses Jahres gelungen ist, ihre Verpflichtungen einzulösen. Der staatliche Plan der Warenproduktion wurde von ihnen mit 126,6 Prozent erfüllt und bereits ein Drittel des vorgesehenen überplanmäßigen Gewinns erarbeitet. Das ist eine beachtliche Leistung, die um so mehr an Bedeutung gewinnt, weil sich mehr als 100 volkseigene Betriebe der örtlichen Wirtschaft dem Greizer Aufruf angeschlossen haben und in der Maschinenfabrik ihr Vorbild sehen.
Anders sieht es noch in der zentralgeleiteten volkseigenen Industrie aus. Dort nimmt das Stahlwerk Silbitz die Stelle ein, die unter den volkseigenen örtlichen Betrieben die Greizer Maschinenbauer inne haben. Auch das Stahlwerk Silbitz ist Vorbild und kein schlechtes. Wurde noch 1954 in diesem Betrieb fast zweieinviertel Millionen DM als Verlust gebucht, so wird diese Summe und noch mehr in diesem Jahr auf der Gewinnseite zu finden sein. Die Belegschaft acht großer Betriebe unseres Bezirkes tun es bisher den Silbitzer Kumpeln gleich und bemühen sich, nach einem Kampfplan die Rentabilität zu erhöhen. Es gibt aber nicht nur acht sondern weitaus mehr zentralgeleitete Betriebe im Bezirk. Von ihnen hört man so gut wie nichts. Was ist also der Grund dafür, dass sich dem Aufruf der Silbitzer Kumpel noch nicht mehr Betriebe angeschlossen haben? Es gibt vor allem drei Argumente, die immer wieder auftauchen.
Die einen sagen: Was ist schon mit dem Stahlwerk Silbitz los. Die waren doch im vergangene Jahr Verlustbetrieb. – Es ist aber für die Verfechter dieser genialen Idee nicht gut, wenn sie vor Selbstgefälligkeit die Orientierung verlieren und die eigenen Fehler hinter rosaroten Wolken zu verbergen versuchen. Ihnen ist es offensichtlich neu, dass die Silbitzer Kumpel längst mit Gewinn arbeiten, dass die Parteiorganisation des Betriebes es mehr und mehr versteht, die Belegschaft für neue Erfolge zu mobilisieren. Die Oekonomische Konferenz des Stahlwerkes Silbitz müsste ihnen doch wahrlich die Augen geöffnet haben. Vielleicht sollte man sich in der Maxhütte und im Kraftfahrzeugzubehörwerk Gera einmal darüber Gedanken machen.
Wenn der Vogel Strauss Gefahr wittert, steckt er den Kopf in den Sand und glaubt sich geborgen. Es gibt Betriebsleitungen, die dieselbe Gewohnheit haben. Nur selten gucken sie über ihr Betriebstor hinaus und glauben sich so vor der "Gefahr" geschützt, die sie hinter einer öffentlichen Verpflichtung zur Erhöhung der Rentabilität wittern. Natürlich würde der Kampf um die Erfüllung der Verpflichtung zwischen den einzelnen Werken dazu führen, dass Fehler im eigenen Betrieb aufgedeckt werden. Das ist aber keine Gefahr, sondern der Anfang dazu, diese Fehler zu beseitigen. Nur Kurzsichtige können das Gegenteil behaupten. Die Werkleitung des VEB Kompressorenwerk Gera würde gut daran tun, das zu beherzigen. In diesem Betrieb stieg der Gießereiausschuss von Oktober 1954 bis zum März dieses Jahres von 9,7 auf 17,5 Prozent.
Die dritte Kategorie der Betriebsleitungen, die sich noch nicht entschließen konnten, den Silbitzer Aufruf zu beantworten, sind jene, die im Stillen ihre Pflicht und oft noch mehr tun. Aber ist es nicht falsch, die im eigenen Betrieb gesammelten Erfahrungen für sich zu behalten? Ist es nicht schädlich, wenn die Kollegen anderer Betriebe sich mühsam einen Weg suchen müssen, der schon bekannt ist? Zweifellos.
Die Parteiorganisationen in den Betrieben sollten deshalb schnell den Kampf gegen solche Auffassungen aufnehmen. Die Vorbereitung der ökonomischen Konferenzen bietet dazu die beste Gelegenheit. Was bei den kleinen örtlichen volkseigenen Betrieben möglich war, muss auch bei den großen zentralgeleiteten möglich sein. Bis jetzt machen aber nur einige Anstalten dazu und das ist peinlich für die Großen.

In einem weiteren Artikel stand geschrieben:

Gera. Im Bezirk Gera wurden im 1. Quartal über 1000 Sonderverkäufe durch den Konsum auf dem Lande durchgeführt. In Ottendorf wurde eine Spezialverkaufsstelle für Textilwaren eingerichtet. Der Umsatz der Verkaufsstelle hat sich gegenüber dem Vormonat verdoppelt.

Und so ging die Propaganda weiter.

Nationale Front verstärkt Aufklärung über Warschauer Vertrag

Der Bezirksausschuss Gera der Nationalen Front des demokratischen Deutschland hat kürzlich in einer Sitzung darüber beraten, wie die auf der Warschauer Konferenz europäischer Länder zur Gewährleistung des Friedens und der Sicherheit in Europa gefassten Beschlüsse jedem Bürger unseres Bezirkes erläutert werden können. Die von den Freunden in sehr reger Diskussion unterbreiteten wertvollen Vorschläge ergänzten die im Entwurf vorgelegene Arbeitsentschließung.
Das vom Bezirksausschluss beschlossene Arbeitsprogramm enthält unter anderem folgende Punkte: Die Kreis-, Orts-, Wohnbezirks- und Dorfausschüsse treffen Maßnahmen zur allumfassenden Agitationsarbeit unter der Bevölkerung; in allen Wohngebieten der Städte und Dörfer sind öffentliche Einwohnerversammlungen durchzuführen. Besondere Bedeutung kommt den Zusammenkünften in den Haus- und Hofgemeinschaften sowie die Arbeit mit den Delegationen von Besuchern aus Westdeutschland zu. Ferner organisieren die Kreisausschüsse gemeinsam mit dem FDGB in den Städten und MTS-Bereichen Konferenzen der Nationalen Front.
Den Höhepunkt der Sitzung bildete die Auszeichnung einiger verdienter Mitarbeiter des Bezirksausschusses mit der Ehrennadel der Nationalen Front. Unter ihnen auch die Freunde Otto Funke, Werner Aßmus, Hans Eberling und Karl-Heinz Kirchner. Besonders herzlicher Beifall würdigte die hervorragende Arbeit der Freundin Ella Weckner aus Bad Blankenburg, die 543 Unterschriften für den Wiener Appell des Weltfriedensrates gesammelt hat.

Zu dieser Zeit gab es noch kein Fernsehprogramm in der DDR. Nur der Rundfunk wurde gehört. Daher gab es die Rubrik:

Was wird gesendet?

Abendprogramm Deutschlandradio

Nachrichten: 18.00, 20.00, 22.00, 23.00, 24.00
18.10 Ein Drittel der Erde
19.00 Aus Deutschland – für Deutschland
20.20 32. Deutsches Bachfest, Leipzig
22.20 Sport
22.40 Kulturmosaik
23.05 Tanzmusik

Abendsendungen Berlin 1. Programm

Nachrichten: 18.30, 21.00, 23.00
18.50 Unser Musikalisches Preisrätsel im Dreivierteltakt
20.30 Zeitgeschehen
21.10 Das Musikalische ABC
22.00 Sport
22.20 Tanzmusik

Berlin 2. Programm

Nachrichten: 04.30, 05.00, 05.30, 06.00, 07.00, 08.00, 12.00, 13.00, 16.45, 19.45, 21.45, 24.00
04.39 Der fröhliche Wecker
12.10 Musik zur Mittagspause
16.10 Das Große Tanz- und Unterhaltungsorchester Berlin spielt
20.05 "Frohe Jugend – frohe Lieder"
21.25 Sport
22.20 Dresdner Musiktage 1955

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