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1400 Der Geraer Markt
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Markttreiben in der Stadt

Der Markt bildete traditionell immer den Mittelpunkt einer mittelalterlichen Stadtanlage. Gera erlangte 1237 mit der Ernennung zur Stadt mit der sogenannten "Regalienvergabe" die "Regalie" Marktrecht. Auf dem Markt konzentrierte sich das wirtschaftliche und das Rechts- und Gemeindeleben der Stadt.
Nach dem Gesetzesartikel 39 des ältesten schriftlich überlieferten Stadtrechts von Gera aus dem Jahr 1487 durfte nichts vor den Toren oder in den Gassen und Nebenwegen der Stadt verkauft werden. Es musste alles auf den Markt gebracht werden. So war der Handel besser kontrollierbar.
An den Markttagen steckte ein Stallknecht als Zeichen des "Marktfriedens" einen Strohwisch an den sogenannten Röhrkasten vor dem Rathaus. Mit dem Läuten der Rathausglocke begann dann der Markttag, zunächst aber nur für die begüterte Herrschaft, dann für die Geraer Bürger mit dem Bürgerrecht, was Grundbesitz voraussetzte. Erst wenn der Strohwisch geworfen wurde, konnten auch die übrigen Marktbesucher, wie die Bewohner der Gera umliegenden Dörfer und stadtfremde Händler auf dem Geraer Markt einkaufen. Da selektierte man, um jeweils unter "Seinesgleichen" zu sein.
Ursprünglich standen auf der Nordseite des historischen Geraer Marktes, also vom Deutschen Haus bis zur Stadtapotheke, noch sieben weitere Häuser. Der Geraer Markt war vierseitig umbaut und mit Durchgängen versehen, wie die noch erhaltenen zum Kornmarkt und zum Standesamt. Diese sieben Häuser trennten den Markt von der Langen Gasse, die spätere "Große Kirchstraße". Diese Häuser wurden nach dem großen Geraer Stadtbrand von 1686 abgerissen.
In der Neuzeit kann man den Geraer Markt mit seinen Drei- und Vierstockgebäuden und den Sattel- und Mansardendächern zu den bekanntesten und am besten erhalten gebliebenen Thüringens zählen. Das Rathaus auf dem Geraer Markt besticht durch die schrägen Fenster, welche weltweit sehr selten zu finden sind.

Das Geraer Rathaus wurde anno 1425 zum ersten Mal urkundlich genannt. Im sächsischen Bruderkrieg von 1450 zwischen Herzog Wilhelm seinem und Bruder Kurfürst Friedrich wurde es zerstört und in den "Städtischen Statuten von 1487" in all seinen Einzelheiten beschrieben. In den Jahren 1573 bis 1575 entstand dann unter Einbeziehung des noch vorhandenen alten gotischen Baues westlich des Turmes gelegen, ein weitaus größeres Rathaus im Renaissancestil. In dem "Gedingebrief von 1573"  wurden der aus Lobeda stammende Baumeister Nicol Deiner, der in Gera ansässige Zimmerermeister Christoff Becke und der Polier Hans Veitländer erwähnt. In der mitteldeutschen Renaissancebaukunst zählte das Geraer Rathaus zu den Meilensteinen.
Das Hauptportal am rechteckigen Turmvorbau sowie die Fenstergiebel wurden besonders ornamentreich gestaltet. Die drei den Torbogen über dem Hauptportal füllenden Männer in typischer Renaissancekleidung stellten mit Sicherheit die drei amtierenden Bürgermeister der Zeit des Rathausbaues dar, denn damals bestand ein sogenannter dreifacher Rat. Der regierende Rat besorgte die Geschäfte der Stadt, der sitzende Rat übte die Gerichtsbarkeit aus und der ruhende Rat wurde bei wichtigen Entscheidungen des gesamten Rates hinzugezogen. Das Amt des Geraer Bürgermeisters war ebenfalls dreifach besetzt worden. Die Funktion unterlag einem jährlichen Wechsel. Das war als ein spätmittelalterlicher Versuch, man war ja eigentlich schon in der Renaissance (Erneuerung), dem Filz, der Korruption und der Vetternwirtschaft im Rathaus zu begegnen und vorzubeugen.
Über dem Portal des Rathauses war das Geraer Stadtwappen angebracht. Dabei ist zu beachten, dass der aus dem Wappen der ersten Landesherren, der Ludowingern, übernommener Löwe, seitenverkehrt angebracht wurde. Darüber ist das viergeteilte reußische Wappen mit dem Plauischen Löwen und dem Kranich für das solmssche Wappen angebracht worden. Das Letztere verwies darauf, das der Landesherr Heinrich Posthumus (1572-1635) zur Zeit der Erbauung des Geraer Rathauses unter der Vormundschaft seiner Mutter, der Vater war zwei Monate vor seiner Geburt verstorben wodurch er den Namen Posthumus (nach dem Tod) erhielt, einer geborenen Gräfin Solms, stand. Über alledem steht noch der bekannte doppelköpfige Reichsadler.
Im rechten Portalgewände ist die "Geraer Elle" mit einer Länge von 0,572394 Metern angebracht. Maß man damals die Waren in Ellen. So waren das zum Beispiel Stoffmengen welche ein Schneider kaufte. Kaufte man Dinge wie Knöpfe, welche mit der "Geraer Elle" nicht messbar waren so sprach man von den sogenannten "Kurzwaren. Nach der "Geraer Elle" hatten sich auch die auswärtigen Händler beim Gebrauch eines Längenmaßes zu richten.
Links neben der späteren Brotbank, in der seit ehedem die Stände der Bäcker standen, konnte der 1754 erneuerte Pranger erhalten werden. Der Geraer Pranger auf dem Markt hatte eine Beispiels- und Bestrafungswirkung auf die Menschen. Mit diesen Halseisen, am Geraer Rathaus gab es zwei davon, wurden Diebe, Ehebrecher (das stadtbekannte Bordell in der Rittergasse war nur eine Straße weiter), Diebe und andere Übeltäter oder wen man damals dafür hielt dem Gespött der Vorübergehenden ausgesetzt. Das die Bürger Geras die am Pranger befindlichen mit faulenden Lebensmitteln beworfen hätten, gehört wohl ins Reich der Legenden, da man zu dieser Zeit die Lebensmittel nicht verkommen lies und nur so viel kaufte wie es zum einen die Geldkatze hergab und man zum Überleben brauchte. Man kaufte nach Bedarf Frischwaren und versucht trotzdem für den harten Winter irgendwie vorzusorgen. Das man die "Angeprangerten" bespuckte, war zu dieser Zeit wahrscheinlicher. Aber! Man geriet auch selbst als einfacher Bürger schnell mal an den Pranger. Dann ereilte es einen selbst, dieses Schicksal ertragen zu müssen.
Der Durchgang von der Brotbank zum Kornmarkt wurde zum 18. Juli 2003 eingezogen.
Der Turm des Geraer Rathauses misst in seiner Höhe 57 Meter, damit bleibt er genau 100 Meter unter der Höhe des Kölner Doms, und bietet trotzdem von der Türmerstube des achteckigen Turmes aus, in dem der Türmer einst wachte, einen weiten Blick über die Stadt.

Der 1685 von dem Rochlitzer Steinmetzen Caspar Junghans der Altere aus Falkaer Sandstein gefertigte "Simsonbrunnen" wurde im Jahre 1823 von der unteren Marktseite an seinen seit dem bestehenden Standort in der Mitte des Marktes umgesetzt. Danach nagte unaufhaltbar der "Zahn der Zeit" an dem Geraer Wahrzeichen, sodass im Jahr 1931 eine aus Muschelkalk geschaffenen Kopie als Ersatz dienen musste. Erst 1979 ersetzte der bekannte Geraer Steinmetz Heinz Plath die Simsonfigur nochmals in einer zweiten Kopie, da die erste Kopie nicht viel wert war, um den Brunnen auf dem historischen Geraer Markt zu erhalten.

Ein zweiter Renaissancebau am Geraer Markt muss natürlich erwähnt werden. Es handelt sich um die Stadtapotheke am Markt/Ecke Kleine Kirchstraße, die den Wirrungen der Jahrhunderte stand hielt. Dieses Eckgebäude wurde 1592 vom Geraer Bürgermeister Hans Hörel, dem Paten des 1585 in Köstritz geborenen weltbekannten Komponisten Heinrich Schütz, errichtet. An den Brüstungspfeilern der beiden Geschosse des 1606 nachträglich angebrachten Erkers sind noch heute (2007) die zehn Apostelfiguren Christies angebracht, die mit Jesus Christus das jüdische Pessachfest feierten, bevor der Heilbringer auf Befehl des römischen Stadthalters in Jerusalem, Pontius Pilatus, auf dem Berg Golgatha gekreuzigt wurde.
Die Fensterbrüstung des ersten Obergeschosses zeigen noch heute die Reliefdarstellungen der bekannten vier Jahreszeiten. Das zweite Obergeschoss ist in die Darstellungen der Wappen von Hohenlohe, Solms, Schwarzburg und Reuß gegliedert.

Das viergeschossige Eckhaus Markt/Große Kirchstraße wurde in den Jahren 1822 und 1823 an Stelle von drei Häusern auf dem Markt und zwei Häusern in der Großen Kirchstraße als Gesellschaftshaus der 1796 gegründeten Erholungsgesellschaft zum Deutschen Hause errichtet.
Im Januar 1822 hatte Karl Friedrich Schinkel dem reußischen Kanzler Vincent von Wiese dafür den Entwurf zugeschickt, dessen Ideen sicher in die endgültigen Baupläne des Zeitzer Baumeisters Schulz eingeflossen waren.

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18.01.2015
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