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08.09.1193 Das Kloster Mildenfurth entstand
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Kirchen, Klöster und die mittelalterliche Religiosität

Bis zum 11. Jahrhundert waren Klöster die einzigen Orte medizinischen Wissens. Ihnen oblag die medizinische Versorgung der gesamten Bevölkerung. Mönche und Nonnen erkannten schon zu dieser Zeit, dass die Heilung der Kranken einen ganzheitlichen Sinn habe. Der kranke Körper wurde mit entsprechenden Heilpflanzen, welche man damals kannte, versorgt. Es waren etwa 600. Dieses Wissen wurde in Büchern festgehalten und über die Jahrhunderte immer wieder abgeschrieben und erhalten. Die Schreibstuben der Klöster nannte man Skriptorien. Sollte ein Buch zum Beispiel für viele Klöster abgeschrieben werden, so diktierte ein Klosterbruder den Text an eine große Anzahl Schreibender (Skriptoren). Sollten möglichst viele Bücher gleichzeitig verfasst werden, so schrieben die vielen Schreiber die einzelnen Bücher einfach selbst und ohne das vorgeschriebene Diktat durch Ablesen der Inhalte ab.
 
Das Leben der Menschen im hohen Mittelalter war von seinem Anfang bis zu seinem Ende durch das Christentum und die damit verbundene Kirche stark geprägt. Der Alltag war ebenso religiös bestimmt wie die persönlichen und die als "offiziell" geltenden Feier- und Festtage. Das Jahr war eine Abfolge von institutionell vorgegebenen Heiligentagen und kirchlichen Festen. Messe, Gebete und die Beichte waren im Jahres- und Tagesablauf ebenso präsent und prägend wie der tief im Denken verwurzelte Glaube an Gott, den Allmächtigen, dessen "Wille geschah, im Himmel wie auf Erden". In besonders hohem Ansehen standen die Heiligen aller Art, Menschen, die ihr irdisches Dasein ganz der Nachfolge Christi gewidmet hatten, vielfach darum auch Verfolgung und seelisch-körperliche Qualen (Folter) zu erdulden hatten, und denen Gott deshalb die besondere Gabe der Erhebung an seine Seite zuteil werden lies.
Diese Heiligen konnte man anrufen und im Gebet um Beistand im Leben bitten, wenn man in Not war. Sie vermittelten dann zwischen dem bittenden Mensch und Gott, glaubte man im hohen Mittelalter. Dabei wies man den Heiligen unterschiedliche Schutzbereiche zu. Bei der Jungfrau Marie, der Mutter Gottes, erflehten werdende Mütter insbesondere Beistand für die bevorstehende Geburt. Ging ein mittelalterlicher Kauf- und Handelsmann auf Reisen, erbat er den Beistand des heiligen Nikolaus. Im Kriegsfall erhoffte der Soldat dieser Zeit Schutz durch ein Gebet zum heiligen Sebastian. Verrichtete man sein Gebet auch noch in Anwesenheit einer geweihten und heiligen Reliquie (damit wurde sogar Handel getrieben, der so genannte Reliquienhandel.) des oder der Heiligen, dann standen die persönlichen Chancen ganz besonders gut, dass die gesprochenen Gebete erhört werden. Nahezu jede Kirche und jedes Kloster verfügte über eine solche Reliquie, ein Stück des Leibes des oder der Heiligen, oder zumindest ein Kleidungsstück oder einen Gegenstand, den die Heiligen zu Lebzeiten benutzt oder besessen hatte.
Zeitweise tauchten durch die verschiedenen über das ganze Land verteilten Reliquienhändler mehr Knochenteile von Heiligen im Handelsangebot auf, als dieser jemals an Knochen im Leib gehabt haben konnte. Auch die Knochen von Heiligen waren abgezählt. Die Menschen glaubten es einfach. Sie konnten es ja auch nicht wiederlegen. Der Horizont war sehr begrenzt. Die Kommunikation auf einen kleinen und immer wiederkehrenden Kreis beschränkt. Ein Bauer des Mittelalter, wäre er tatsächlich 70 Jahre alt geworden, und das war illusorisch, erlangte im Laufe seines ganzen Lebens weniger Wissen und Information, wie eine Wochenendausgabe einer Tageszeitung am Ende des 20. Jahrhunderts vermittelte. Nicht im eigentlichen Wissen sondern im Umfang des Ganzen.
Die Suche nach dem Heil der Seele war das erklärte Ziel des menschlichen Daseins, welches schon zu frühen Lebzeiten ganz auf das Jenseits ausgerichtet war. Das Hier und Jetzt war im Denken und Handeln der Menschen dieser Zeit nur eine eng begrenzte "Durchgangsstation". Allen Menschen gemeinsam war die Hoffnung auf das Reich Gottes, in das man einst, wenn man ein Leben nach den christlichen Gebot geführt hatte, aufgenommen werden wollte. Ein solches Denken war nur allzu erklärlich für diese dunkle Zeit der Menschheit. Seuchen und Krankheiten, Hungersnöte und Kriegswirren, völlig unzureichende hygienische Verhältnisse und mangelnde medizinische Versorgung ließen keine allzu hohe Lebenserwartung der einfachen Menschen des Mittelalters zu, insbesondere die Kindersterblichkeit war extrem hoch. Von 20 Kindern, die auf die Welt kamen, überlebten bei viel Glück, guten Ernten, wenig Seuchen und dem Recht des Stärksten vielleicht 4 bis 5. Der Tod war allgegenwärtig und zeigte jedermann sehr einprägsam die allzu schnelle Vergänglichkeit des irdischen menschlichen Daseins.
Aber für den Mensch des Mittelalters besaß der Tod nicht die Schrecken, welche der Mensch der Gegenwart gemeinhin damit verbindet. In jener Zeit sah man im Tod zugleich auch das erlösende Ende des irdischen Jammertals mit seinen ständigen Verlockungen zur Sünde, seinen Mühen, Sorgen und seiner Not. Durch den Tod erst bekam der Mensch die Möglichkeit des Eintritts in das lang ersehnte Reich Gottes. So hatte man ihn ja auch sein ganzes irdisches Leben erzogen, er kannte nichts anderes. Gottesfurcht war weit größer als die Todesfurcht. Das behinderte auch ganz massiv die wissenschaftliche Weiterentwicklung während der 1000 Jahre des gesamten Mittelalters. (500-1500 n. Christus). Christliche Gesetze waren entscheidend. Alles was davon abwich, war Ketzerei (gegen den Kirchenglauben) oder auch Häresie (streng kirchlich aber als christlicher Irrglaube bezeichnet).
Dieser Geist des religiösen Mittelalters zeigte sich auch in den vielen Dichtungen dieser Zeit. Exemplarisch sei auf die Erzählung von einem Hartmann von Aue verwiesen, welcher in seinem Werk "Der arme Heinrich" ein acht Jahre altes Mädchen darum betteln lies, sterben zu dürfen. Hier ein in die heutige Zeit übersetzter Textauszug.
"Nun lasst mich doch die Fülle des ewig währenden Glücks genießen. Auf mich wartet Christus, dem ich mein Leben ganz hingeben will. Wenn ihr mich dem überlasst, dann wird mein Leben gut sein. An seinem Hofe ist alles auf das Vortrefflichste gerichtet, da stirbt weder ein Pferd noch ein Rind, da sorgt man sich nicht um Kinder, denen es schlecht geht, da ist es weder zu kalt noch zu heiß, da altert niemand vor lauter Gram, es gibt weder Frost noch Hunger, da gibt es keinerlei Betrübnis, sondern dort herrscht ständig Freude ohne Not"
Diese Worte sind natürlich eine reine Dichtung. Kein Kind in dem Alter verfügt über den Verstand noch über die Möglichkeit, schon gar nicht im hohen Mittelalter, derartige linguistische (sprachliche) Meisterleistungen zu vollbringen.
Alles in Allem bleibt die Zeit des Mittelalters eine Zeit, die noch genauer verstanden werden will. Die Menschen jener Zeit waren intelligenter als so mancher mittelalterliche Zeitgenosse es überliefern konnte oder wollte. Die Menschen dieser Zeit haben mehrheitlich überlebt und sich gemehrt. Sie kamen ohne Supermarkt über die Runden. Gut, es war mehr ein Überleben als ein Leben. Für ihre Zeit waren sie geniale Strategen. Fest steht aber. Die so erfahrenen Menschen des 21. Jahrhunderts würden im hohen Mittelalter ebenso wenig überleben wie die mittelalterlichen Europäer in der Zeit der On - Line Kommunikation. Wir haben viel gelernt, aber auch viel verlernt.

Mike Strunkowski für die Gera-Chronik im Dezember 2007

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18.01.2015
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