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1524 Bauernaufstände
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Bauernaufstände

Ursachen und Wirkungen
Die Bauern und die Landbevölkerung zwischen dem hohen Mittelalter und dem 16. Jahrhundert.

Der Anteil der Bauern an der Gesamtbevölkerung des hohen Mittelalters betrug etwa 90%. Dabei ist nur sehr wenig bekannt über diese Bevölkerungsschicht. Nicht nur in der zeitgenössigen Literatur, sondern auch in der Kulturgeschichte des Mittelalters spielten die Bauern kaum eine Rolle, was wohl auch daran liegen dürfte, dass die wenigen bisher erschlossenen Quellen ebenso wenig gesicherte Aussagen zulassen.
Es gab freie Bauern mit bewilligten Pachtverhältnissen in der Gegend um und auch in Gera, die sowohl sogenannte "Hörige" als auch "gemeinfreie Bauern" sein konnten. Daneben gab es aber auch "leibeigene Bauern", welche als unfrei galten. Die meisten waren allerdings persönlich unfreie Bauern, welche der Hausgewalt und dem verbrieften Hofrecht eines Grundherren als "Hörige" unterstanden.
Vorrangig in Friesland und in den Alpenländern lebten zu dieser dunklen Zeit des 12. Jahrhunderts allerdings auch Bauern, die von jeglicher Pacht frei waren. Mit den Rodungen in diesen Gegenden wuchs deren Zahl beträchtlich, denn bisher noch ungenutztes Land wurde in aller Regel das Eigentum der Bauern, die es bewirtschafteten. Diese Tatsache schien besonders für die in Thüringen beheimateten Bauern zuzutreffen, denn große Teile des Landes wurden nur durch Rodung urbar und von Nutzen für die siedelnden Bauern.
Die Bauern waren zumeist in einer, für Thüringen typischen, Grundherrschaft zusammengeschlossen. Dieser Grundherrschaft standen die Grafen, Herren (was die Edelleute waren), Ministerialen oder von diesen eingesetzte Verwalter, die auch Meier genannt wurden, vor. Es gab auch die "reichsrechtliche" und "geistliche" Grundbesitzungen. Seit Ende des 13. Jahrhundert kamen zudem auch "städtische" Grundherren dazu. Die ökonomische Basis des mittelalterlichen Feudalsystems war die Grundherrschaft, welche sich nur auf die Größe des Landbesitzes bezog. Größere Grundherrschaften wurden aus "karolingischer" Zeit (ab 800, der Krönung des römischen Kaisers "Imperator Romanum Karolus Magnus" Karl der Große) überkommenen Fronhofverbänden bewirtschaftet, deren Mittelpunkt der Wohn- und Amtssitz des Grundherren oder des Meiers bildeten. Der weitaus größte Teil der Flächen eines Fronverbandes war in "Hufen" oder "Mansen" aufgeteilt und wurde durch abhängige Bauern gegen Abgaben und Dienstleistungen, den Fronen, bewirtschaftet.
In "geistlichen" Grundherrschaften, also das Land, welches einer christlichen Kirche oder einem bewirtschafteten Kloster oder aber dem Inhaber eines hohen geistlichen Amtes gehörte, kam es durchaus vor, dass die freien Bauern ihren Besitz dem jeweiligen Grundherren freiwillig übertrugen. Gegen entsprechende Abgaben konnten die Bauer das Land aber weiter nutzen. Die Bauern waren in dieser Situation zwar persönlich frei, aber durch ihre zu leisteten Abgaben in unterschiedlichster Form mit Leib und Leben an den Grundherren gebunden. Die Abgaben erfolgten zunächst in Naturalien und Arbeitsleistungen, später aber auch in Geldmitteln. Die Münzprägung oblag dem Lehnsherrn, welcher dafür ein Münzprägerecht erworben hatte und damit den Edelmetallanteil der Münzen festlegen durfte. Um so höher dieser Anteil, desto härter und auch wertvoller war die Münze. Das pflegte man zu dieser Zeit mit dem üblichen Zahntest, man biss auf die Münze, zu überprüfen. 
Üblich zu dieser Zeit war aber auch, dass ein Bauer und seine Familie je nach der Region in der sie lebten und in Abhängigkeit zum Grundherren etwa zwischen 50%, wie das Beispiel Bayern damals ergab und 75% in der Gegend um die Insel Rügen, ihrer Arbeitszeit für Frondienste aufbringen musste. War die Zahlung der Abgaben oder die Ableistung von Diensten infolge von Missernten, Verwüstungen des Ackers durch Kriege oder marodierenden Kriegshorden oder den Ausfall durch Krankheiten nicht zur Zufriedenheit des Grundherren möglich, dann konnten die Bauern leicht in Abhängigkeit geraten, deren Folge die Unfreiheit und damit die Hörigkeit gegenüber dem Grundherren war.
Die Frondienste erfolgten jedoch nicht ohne eine Gegenleistung. Denn die wenn auch zu Teil unfreien Bauern genossen für ihre Dienste den uneingeschränkten Schutz und auch rechtlichen Beistand ihres Grundherren. Dieser war natürlich daran interessiert, dass auf seinem Grund und Boden Ordnung und Friede herrschte und die Bauern ihm gewogen waren, die er für die Bewirtschaftung seiner Güter dringend brauchte.
In den "Dunklen Zeiten" ständiger Aufstände, Kriege und Plünderungen war dies ein Grund, um vom freien Bauern zum abhängigen Bauern zu werden. Dennoch gab es gerade in der Zeit um 1200 auch eine ganze Reihe von Möglichkeiten, sich dauerhaft aus der Abhängigkeit der Grundherren zu befreien, wenn dies eine Verbesserung der persönlichen Verhältnisse bedeutete.
So konnten sich die Bauern dieser Zeit von allen Verpflichtungen gegenüber des Grundherren lösen, indem sie sich an der allgemeinen Urbarmachung des Landes beteiligten, die insbesondere für die Zeit des 12. und 13. Jahrhunderts konstatiert werden kann. Durch die Rodungen und die damit verbundene Erstbewirtschaftung von Land in einem bis dahin nie da gewesenen Ausmaß wurden Landstriche urbar gemacht. Die Gegend um Gera war zu dieser Zeit umfangreich bewaldet. Damit konnten die ersten Siedler der neu gewonnenen Gebiete zu günstigen Bedingungen zu eigenem Grund und Boden kommen. In diesem Prozess eingebettet, erfolgte in der Folgezeit auch die Rodung und die Besiedelung des Mittelgebirges, welches später als der "Thüringer Wald" bekannt wurde, und er führte weiter zur Besiedelung der östlichen Randgebiete, der sogenannten Ostkolonisation, an der auch Ludwig IV., der Bayer (1282-1347) aktiven Anteil nahm.
Es gab aber auch noch eine weitere, eine zweite, Möglichkeit, sich dem unerbittlichen Zugriff des Grundherren zu entziehen. Das war die Flucht, und zwar in die geschützten Mauern einer Stadt, denn diese Zeit war die Hochzeit der Stadtgründungen in dieser Region. Die Städte Dresden und Gera erhielten die Urkunden der Stadternennung 1206 und 1237. ( Damaskus, die älteste noch existente Hauptstadt der Welt erhielt ihre "Gründungspapiere" 1.500 vor Christus.)  Die erste urkundliche Erwähnung einer Stadt und ihre eigentliche Gründung liegen aber zu dieser Zeit meistens gut 200 Jahre auseinander. Im Jahr 995 wurde das Land, auf dem die Stadt Gera erbaut wurde, schon verschenkt, aber erst in der Folgezeit bebaut. Erst eine Stadt, welche errichtet war, konnte zu einer solchen erklärt werden. Man vergab mit der Ernennung zur Stadt auch die sogenannten Regalien. Das waren mittelalterliche Stadtrechte, wie Münzprägerecht, Marktrecht, eigenständige Gerichtsbarkeit, das Recht der Erhebung von Zöllen und einiger Bürgerechte. 
In diesen Neugründungen war zunächst so gut wie jeder willkommen, welcher seinen Anteil am Leben der Stadt in wie auch immer gearteter Form erbringen konnte, auch wenn die Menschen damals, um die Bürgerrechte erwerben zu können, ein gewisses Mindestmaß an Besitz nachweisen mussten.
Ein Grundherr war in aller Regel auf die Dienste seiner Bauern unabdingbar angewiesen und deshalb in hohem Maße interessiert, die für diese Zeit sehr knappen Arbeitskräfte auf seinem Grund und Boden zu halten. Deshalb konstatierte man für das hohe Mittelalter einen generellen Prozess der Erleichterung der bäuerlichen Lasten.
In der weiteren Folge führte dies zu einer weitgehenden bäuerlichen Selbstständigkeit, die sich auch darin äußerte, dass deren Höfe erblich wurden, was die Absicherung der folgenden Generationen und die Eigensicherung des Altenteiles bedeutete, und die Bauern eines Dorfes oder einer Grundherrschaft zunehmend mehr Rechte der Selbstverwaltung wahrnahmen. Dazu gehörte auch die freie Nutzung der "Allmende", der Weide, Wald und der Gewässer, durch alle Mitglieder der Dorfgemeinschaft und der Grundherrschaft. Bei der Nutzung der "Allmende" spielte der Stand keine Rolle, da es sich um "Allgemeingut" und nicht um Grundherrenbesitz als solchen handelte.
Im späten Mittelalter (1300-1500) gab es zumindest in der Landschaft Thüringen keine Unfreiheit im Sinne einer mittelalterlichen Leibeigenschaft mehr. Erst im 15. Jahrhundert, dem ausgehenden Mittelalter besannen sich die "herrschenden" Grundherren wieder ihre einstigen Rechte und es kam dann im Kontext der beginnenden Agrarkrise zu einer extremen Verschlechterung der grundsätzlichen Lage der Bauern. So wurde den Bauern vielerorts sogar die Nutzung der Allmende, dem Gemeinschaftseigentum, entzogen und ihre über 200 Jahre gewonnene Selbstbestimmung und Selbstständigkeit weitestgehend beschnitten.
Im Jahr 1502 begannen die Bundschuhaufstände. Unter Führung des ehemaligen Leibeigenen Josz Fritz erhoben sich im Bistum Speyer etwa 20.000 Bayern gegen den Adel und forderten die Abschaffung der Leibeigenschaft und des repressiven Abgabensystems Weitere erfolglose Erhebungen von Bauern unter Flagge des Bundschuhs (geschnürte Schuhe der Bauern) fanden 1513 und 1517 statt. Sie galten als die Vorläufer und als eine der Ursachen für die in Süddeutschland beginnenden ersten Bauernaufstände in den Jahren 1524 und 1525. Die Aufstände wurden brutal und sehr blutig niedergeschlagen. Die Bauern hatten die Abschaffung der Leibeigenschaft, der sogenannten "Schollenfreiheit" gefordert. Als "Scholle" wurde zu der Zeit ein Stück Ackerland bezeichnet.
Am 27. Mai 1525 starb mit Thomas Müntzer der prominenteste Anführer der Bauernaufstände durch eine öffentliche Hinrichtung, was die Aufstände bis Ende Juni 1525 unterbrach. Etwa 100.000 Menschen fielen den Unruhen zum Opfer, in denen die Bauern mehr Rechte gegenüber den adligen Herren einforderten.
In seinem "Allstedter Aufruf" hatte der radikale Protestant, Lutheranhänger, Thomas Müntzer, in fanatischen Worten die Bauern zum rücksichtslosen Kampf aufgefordert. Zuvor hatte er sein lutheranisches Kirchenbild im "Prager Manifest" niedergelegt.
Am 19. Juli 1525 schlossen sich die katholischen Fürsten Norddeutschlands im "Dessauer Bündnis" gegen die Reformation Luthers zusammen. Sie waren ausschließlich auf einen Machterhalt mit dem Segen des Papstes aus, der zum einen ja katholisch war, also Gegner Luthers, und zum anderen der mächtigste Mann im Abendland war, von dem sie vollständig abhängig waren. (Schon König Heinrich IV. der spätere Kaiser, er ernannte sich mit Hilfe eines durch ihn selbst eingesetzten Gegenpapst im Jahr 1084 faktisch selbst zum Kaiser,  hatte der Abhängigkeit zum Apostolischen Stuhl, dem Papst, mit dem "Gang nach Canossa" im Jahreswechsel zum Jahr 1076 genüge tun müssen.) 1526 bildete sich als Gegenbewegung das evangelische lutheranische "Gotha-Torgau-Bündnis".
Nach den niedergeschlagenen Baueraufständen kam es allerdings zu einer Verschärfung und Wiederbelebung der Leibeigenschaft, welche erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts endgültig aufgehoben wurde. Damit gab es nur noch freie Bauern. ( Die sich aber wenig später den russischen Kommunisten unter der Führung von Lenin beugen mussten und in Kolchosen arbeitend ihre Freiheit wieder für fast ein Jahrhundert verloren.) 
Die Leibeigenschaft der Bauern des hohen und späten Mittelalters, also in der Zeit zwischen 1300 und 1600, war allerdings nicht mit der Sklaverei gleichzusetzen. Denn auch Leibeigenen war es möglich eigenen Grund und Boden zu bewirtschaften, und damit Grundrechte wahrzunehmen, was Sklaven zu keiner Zeit gelang.
Eine homogene Gruppe war die Bauernschaft aber nie. Es gab die sogenannten Vollbauern, die über einen für ihre Verhältnisse relativ großen Besitz verfügten, und Bauern mit geringem Besitz die Kätner, Büdner, Kossäten oder auch Gärtner genannt wurden. Darüber hinaus gab es natürlich auch noch diverse Kleinbauern. Aber noch unterhalb dieser Gruppe standen die wirtschaftlich unselbstständigen Lohnarbeiter, Knechte und Mägde, Tagelöhner und das Gesinde für die niedrigen Arbeiten auf dem Hof.

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18.01.2015
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