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17.06.1953 Protest auch in der Geraer Bevölkerung
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Mit Massenstreiks und Demonstrationen forderten die Arbeiter in der DDR eine Verbesserung der sozialen und ökonomischen Lebensbedingungen, freie Wahlen und den Rücktritt der DDR-Regierung. Sowjetische Panzer beendeten die Unruhen im Arbeiter- und Bauernstaat DDR. Umfangreiche Säuberungen setzten danach ein, da man derartiges für die Zukunft ausschließen wollte. Etwa 20.000 Streikende waren im Zuge der Ermittlungen zum Volksaufstand am 17. Juni fest genommen worden und 1.400 hatte man nach dem Volksaufstand zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Sowjetische Standgerichte hatten gar 21 Menschen zum Tode verurteilt. Hunderte DDR- Bürger fliehen daraufhin täglich in den Westen der Republik um dem Stalinistischen Sozialismusaufbau und dem Einparteienstaat ohne wirkliche politische Wahlmöglichkeit, zu entgehen. Nach dem Aufstand nahm das Zentralkomitee der SED die beschlossenen Sozialisierungsmaßnahmen teilweise zurück, um den Lebensstandart der Bevölkerung zu verbessern.

Der Aufstand der Arbeiter in der DDR wurde durch eine Lohnkürzung ausgelöst. Die Regierung der DDR wies jedoch jede Verantwortung von sich und stellte sich am 18. Juni 1953 in einer nebulösen Erklärung als Opfer ausländischer Machenschaften von Agenten und Provokateuren dar.

Auch in Gera war schon früh zu erkennen, dass die Arbeiter der Stadt sich mit den Arbeitern der Berliner "Stalin-Allee" solidarisierten.

Daher erging der Befehl Nr.1 des Chefs der Militär-Garnison des Stadt- und Landkreises Gera.

Dort war öffentlich zu lesen.

ÜBER DIE STADT WIRD DER AUSNAHMEZUSTAND VERHÄNGT

Jegliche Demonstrationen und jede Menschenansammlungen sind verboten. Im Falle des Widerstandes wird von der Waffe Gebrauch gemacht.

Der Chef der Garnison Gera Oberst Aktschurin

Gera, den 17.Juni 1953

Wenn der Sozialismus nicht funktioniert...

Dann setzte man in diesen Tagen auf bewährte Propaganda. Am Morgen dieses historischen und am Ende sehr ereignisreichen Tages lasen die Geraer in ihrer "Volkswacht" folgendes: Erklärung des Politbüros des Zentralkomitees der SED: Der Aufbau eines neuen Lebens und die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter sowie der gesamten Bevölkerung sind einzig und allein auf der Grundlage der Erhöhung der Arbeitsproduktivität und der Steigerung der Produktion möglich..." (Aber mit viel Arbeit und wenig Essen funktioniert der Sozialismus erst recht nicht, wie der Tag zeigte. Das Fass war endgültig voll und der Volksaufstand begann.)

Morgens begann der Streik in Gera

Die SED Kreisleitung Gera war bereits um 7.00 Uhr des 17. Juni über den Streik der Beschäftigten des Kompressorenwerk Gera EMK I informiert worden. In diesem Betrieb war ein Streikkomitee gebildet worden und es wurde Kontakt mit Roto Record aufgenommen. Danach machten sich die Geraer Streikenden auf den Weg, ihren Katalog mit den Forderungen der Arbeiter Geras zum Rat des Bezirkes zu überbringen.

Eine Resolution mit einer Gegenstimme

Die streikenden Arbeiter der Stadt verabschiedete an diesem Tag eine Resolution mit fünf Punkten. Nur eine Gegenstimme stellte sich dagegen. Die Resolution forderte die Senkung der Normen, die Senkung der HO-Preise um 40%, Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit, Freilassung der politischen Häftlinge und den Sturz der Regierung. (Quelle BArch DO- 1/11.0/306, Bl. 234-265)

So sah die SED-Bezirksleitung Gera den Streik

In einem Lagebericht stand folgendes: "Als die Arbeiter beinahe davon überzeugt waren, dass sie die Arbeit wieder aufnehmen, kam die Meldung vom Ausnahmezustand in Berlin und dem Einsatz sowjetischer Panzer in Gera. Bei dem Sturm auf das Gefängnis mit dem Ruf "Das ist eine innerdeutsche Angelegenheit, die Russen sollen sich nicht einmischen", warfen einige Arbeiter die Abzeichen von der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft weg. Sie zogen dann weiter zum Gefängnis und begannen dort die stationierte Volkspolizei zu entwaffnen." (Die DDR glaubte an ihre Arbeiter so lange, bis die russischen Panzer den Aufstand gewaltsam nieder schlugen.)

Polizeipräsenz am Gefängnis in Gera

Die Geraer Polizei verstärkte an diesem Tag ihre Präsenz am Geraer Untersuchungshaftgefängnis durch die Aufstockung des Personalbestandes. Noch hatten sich in der Greizer Straße keine Anzeichen für den Aufstand ergeben. Es hatte aber zu diesem Zeitpunkt schon Sicherungsmaßnahmen im Inneren gegeben und es waren auch die wichtigsten Verteidigungsstellungen bezogen worden. Nachdem später am Tag die Anzeichen des Aufstands näher rückten, wurde ein weiterer Zug der Polizei zum Gefängnis beordert.

Gegen Mittag in Gera

Etwa 10 Minuten, bevor die Uhr die Mittagsstunde anzeigte, traf der abgespaltene Demonstrationszug vom Geraer Kornmarkt nun am Gefängnis Greizer Straße ein. 3.000 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder hatten sich am Kornmarkt versammelt. Gut 1.000 demonstrierende Menschen drangen in den Hof der Haftanstalt ein, indem sie die Eisengitter zerstörten und auch das zweite Tor zum Hafthof eindrückten. Danach wurde das gesamte Gefängnis besetzt.

Fünfunddreißig Minuten in Gera

Es waren ereignisreiche 35 Minuten in der Geschichte Geras während des Volksaufstandes von diesem Tag. Die Bezirksleitung dokumentierte die Zeit wie folgt: 11.45 Uhr, ca. 1.000 Demonstranten erscheinen vor der U-Haftanstalt Gera, Greizer Straße, und fordern die Freilassung von Häftlingen; 12.00 Uhr, die Demonstranten vor der U-Haftanstalt versuchen in diese einzudringen und werfen die Fenster ein; 12.20 Uhr, das Außentor der Haftanstalt wird aufgebrochen und die Demonstranten gelangten in den Hof derselben. (Quelle: SAPMO-BArch, NY 406/94, Bl. 345-352)

Zeitzeugen des Aufstands berichteten

Karl Albert, ein Schüler aus Gera gab zum Volksaufstand seine Sicht der Dinge wieder: "Die Menschenmenge rannte zu dem ca. 600 m entfernten Gefängnis. Wir als Schüler waren natürlich wieder dabei. Aber der Gefängnishof war mit einem mächtigen Tor verschlossen. Dicht gedrängte Arbeiter versuchten, das Tor zu öffnen. Inzwischen waren Fahrzeuge der Städtischen Feuerwehr vorgefahren. Die Feuerwehrleute getrauten sich nicht aus den Fahrzeugen. Nachdem viele Arbeiter mit ihnen sprachen, gaben sie auf. Sie durften ohne Prügel davon laufen. Die Feuerwehrautos wurden von einem Müllautofahrer einfach weg gefahren."

Kein Wasserwerfer war einsatzbereit

Vor dem Gefängnis in der Greizer Straße kam in den Nachmittagsstunden ein Feuerwehrauto zum stehen. Die eigentlichen Brandbekämpfer hatten hier zwar offensichtlich einen Brand zu bekämpfen aber mit Sicherheit kein loderndes Feuer.  Auftrags war hier geplant, mittels eines "scharfen" Wasserstrahls die aufgebrachte Menschenmenge zu zerstreuen. Dazu kam es zum Glück nicht, denn  die Demonstranten kamen der Feuerwehr zuvor. Sobald diese ihre Schläuche zwischen dem "Brandherd" und dem Hydranten verlegt hatten, rollten die Demonstranten diese einfach wieder ein. Schlimmeres wurde damit verhindert. Und die Feuerwehr hatte keine Handhabe mehr.

Polizisten solidarisierten mit den Aufständischen

Der Geraer Zeitzeuge Heinz Hörschelmann erinnerte sich an die dramatischen Stunden in Gera während des Volksaufstandes mit folgenden Worten: "Die Vorgänge in der Haftanstalt waren ganz toll. Der ganze Hof war voll von Menschen. Beide Tore wurden geöffnet, ohne Gewalt. An sämtlichen Fenstern hingen die Gefangenen. In der Querstraße war alles schwarz von Demonstranten . Es kamen fünf oder sechs Lastkraftwagen mit Polizei. Viele der Polizisten zogen ihren Uniformrock aus und hingen ihn an den Zaun oben an der Greizer Straße".

Ein Zehnjähriger gegen die Russen

Etwa 13.30 Uhr war es, als russische Soldaten und Offiziere versuchten den Eingang zum Gefängnis in der Greizer Straße frei zu machen. Während die erwachsenen Demonstranten, der Einsicht nachgebend, den Russen Platz machten (Sie hatten Erfahrungen mit der Macht der russischen Besatzer gemacht.) blieb ein ca.10-jähriger "Pimpf" trotzig in der Einfahrt stehen. Die Hände in den Hosentaschen vergraben, wurde er von einem Deutschsprechenden Russen an geherrscht mit den Worten. "Was willst Du denn eigentlich hier, he? Die Antwort kam prompt: "Mir wolln unsre Freiheit wieder ham, weiter nichts!" Die Russen waren so perplex, dass sie weg fuhren ohne das Gefängnis zu betreten.

Der Friede dauerte nur 30 Minuten

Kurz zuvor hatten sich die russischen Besatzer noch von einem mutigen 10-jährigen Knaben "beeindrucken" lassen. Nun, so gegen 14.00 Uhr, kam der Russe mit einem gewaltigen Schützenpanzer zum Gefängnis in der Greizer Straße vorgefahren, 100 Mann im Schlepptau, zum Gefängnis in der Greizer Straße und ging rücksichtslos gegen die bis dahin weitestgehend friedlichen Demonstranten vor.

Der letzte Demonstrationszug

Russische Soldaten schlugen nun rücksichtslos mit ihren Gewehrkolben auf die Demonstranten am Gefängnis in der Greizer Straße ein, als Zimmerleute mit ihren Äxten das hölzernen Eingangstor aufbrechen wollten. Die Brutalität war so groß, das die Demonstranten den Eingang frei machten und sich in die Greizer Straße drängen ließen. Danach trieben die russischen Panzer die Menschen die Große Kirchstraße hinunter und mit hin und her schwenkenden Panzerkanonen schossen die Russen so auf das Straßenpflaster, dass die Splitter und die Querschläger die Demonstrationsmassen an die Straßenseiten drängten. Damit war der letzte Demonstrationszug zerschlagen und die Menschen so verängstigt, dass es sie nicht wieder wagten, einen weiteren Demonstrationszug zu bilden.

Die Angst der Kinder war unglaublich

Der Geraer Schüler Karl Albert berichtete über die Niederschlagung des Volksaufstandes in Gera und überlieferte: "Inzwischen waren mehrere sowjetische T-34 Panzer über eine höher liegende Straße auf die Menschenmenge zu gerollt. Hatte man anfangs noch Mützen auf die Enden der Kanonenrohre gesteckt, begann das große Flüchten, als die hinter den Panzern laufenden sowjetischen Soldaten begannen, in die Luft zu schießen. Auf Umwegen kam ich nach Hause."

Das endgültige Ende des Gefängnisaufstands

Die Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei resümierte an diesem Tag, dass die Banditen und Demonstranten lediglich in den Vorhof des Gefängnisses in der Greizer Straße haben eindringen können, und dass mit der Hilfe der Sowjetarmee nochmals Kräfte frei gesetzt werden konnten um die Straßen zu räumen. Die Genossen des Inneren (Stasi) hatten in der Zwischenzeit den Vorhof des Gefängnisses gesäubert und eine gewisse Anzahl der subversiven Elemente und Staatsfeinde fest genommen.

Lydia Poser unter Tränen

Gegen Mittag dieses Tages fanden Vermittlungsgespräche der Arbeitervertreter mit der ersten und einzigen Vorsitzenden der Bezirksregierung der SED, Lydia Poser, statt. Unter Tränen bat sie die Arbeitervertreter, sie sollten doch die Arbeit in den Betrieben wieder aufnehmen. Diese lehnten das Ansinnen jedoch entschieden ab und bestanden auf die Erfüllung ihres 10-Punkte-Planes.

Feigheit vor dem einfachen Arbeiter

Nachdem sich die Vorsitzende der Bezirksregierung der SED in Gera der Arbeitervertreter unter Tränen gestellt hatte, hatten die übrigen Mitglieder der Bezirksregierung, um ihre eigene Sicherheit besorgt, sich vorsorglich in das Lokal "Waldschlößchen" zurückgezogen.

Der Geheimdienst wusste Bescheid

Dem verhassten Geraer Oberbürgermeister Kurt Böhme entrissen die Aufständischen das Parteiabzeichen der SED. Im Zuge dessen wurden kommunistische Transparente und Schaukästen beschädigt. Etwa 250 Personen versammelten sich vor der SED-Kreisleitung und zerstörten ein 2x4m großes Portrait von Walter Ulbricht. Gegen 13.00 Uhr wurde mit einigen Demonstranten verhandelt, was nur dem Zweck diente, ihre Identität der Staatssicherheit zu melden.

Rock n´Roll im Krankenhaus

Auch die Geraer Fachschule für Krankenpflege gab an diesem Tag einen Bericht über die prekäre Lage ab. Da war geschrieben: "Unter dem Einfluss von Gerüchten und aufgeblähten Augenzeugenberichten gab es eine kleine Gruppe von Schülern, die eine Reihe von Westschlagern zu singen begannen." (Quelle: ThStA Rudolstadt, Reg.-Nr. 64/2003)

Diese Forderungen wurden erst 37 Jahre später erfüllt

Die Demonstranten in Gera hatten ihre Forderungen auf Transparente geschrieben und trugen diese wie Schutzschilde vor sich her. Darauf stand: "Wir fordern freie Wahlen!, Der Spitzbart muss weg!, Fort mit Ulbricht und Genossen, Wir fordern eine demokratische Regierung! und Fort mit den Pankower Diktatoren." (Quelle: Geraer Heimatbrief 3/63)

Vormittag in Gera

Die Ereignisse in der Stadt Gera gestalteten sich im Laufe dieses Mittwochvormittags nahezu turbulent. Gegen Mittag musste die BdVP ( Bezirksbehörde der Volkspolizei) die in Gera stationierte Waffentechnische Schule der Kasernierten Volkspolizei (Vorläufer der Nationalen Volksarmee) um tatkräftige Unterstützung bitten. Diese wurden dann umgehend, aber noch unbewaffnet, in die Geraer Innenstadt geschickt. Das öffentliche Tragen von Waffen sollte vermieden werden, da man anfangs noch deeskalierend wirken wollte und sie Stimmung nicht noch mehr anheizen wollte. Die Demonstrierenden forderten die Mannen von der Kasernierten Volkspolizei auf sich mit ihnen zu solidarisieren. Das ignorierten diese geflissentlich, worauf hin es zu ersten tätlichen Auseinandersetzungen kam. Einige der Polizisten wurden gewaltsam ihre Uniform los und erheblich verletzt.

Der Oberbürgermeister ohne Parteiabzeichen

Aufgebrachte Demonstranten wurden am Mittag des Geraer Oberbürgermeisters Kurt Böhme habhaft und rissen ihm mit Gewalt das Parteiabzeichen der verhassten SED vom Revers. Danach wurden Transparente und Schaukästen und die Fassade des Haus der Jugend beschädigt. Vor der SED-Kreisleitung versammelten sich gegen 12.00 Uhr mehr als 250 Menschen und zerstörten ein Walter Ulbricht Portrait in der Größe von 4 x 2 Metern. Nun kam die Stasi ins Spiel. Die in zivil auftretenden Stasi-Mitarbeiter sprachen mit 15 der aufgebrachten Demonstranten ohne sich zu erkennen zu geben und ließen sich deren Forderungen vortragen. Über diese Demonstranten wurden später Akten angelegt.

Wismut-Kumpel besetzten eine Grundschule

Es war nun so gegen 14.00 Uhr in Gera, als ein Trupp von rund 30 Wismut-Kumpel die Grundschule in Untermhaus gewaltsam besetzten. Die Bergarbeiter waren mit einem Omnibus vorgefahren. Sie zerstörten darauf hin sämtliche Transparente und Bilder der führenden Staatsfunktionäre und die Propagandaparolen der SED. Danach begannen sie das Schulinventar zu zerstören um zu verhindern das die Schüler weiterhin von den Kommunisten mit deren Weltanschauung unterrichtet werden können. Nun war es der Staatsmacht zu viel, die kasernierte Volkspolizei setzte die Wismut-Kumpel fest und beschlagnahmte den Omnibus, den sie anschließend gründlich untersuchte. Man wollte wissen, wo er entwendet worden war.

Unterstützung kam aus Greiz

Gegen Nachmittag um 15.00 Uhr setzten sich gut 40 Fahrzeuge der Wismut von Clumitzsch aus dem Landkreis Greiz in Richtung Gera in Bewegung. Eines der Fahrzeuge war mit der Losung: "Freiheit, nieder mit der Regierung" beschriftet. Das Kennzeichen registrierte die Stasi unter dem Vermerk: Fahrzeugkennzeichen P 30 - 11, Fahrer Wolfgang P. Zur gleichen Zeit trafen dann weitere 1.500 Wismut-Kumpel mit Wagen der SDAG (Sowjetisch Deutsche Aktiengesellschaft) in der Geraer Innenstadt ein.

Zeitzeuge Dietrich Krug berichtete zu den Ereignissen

"Inzwischen waren vorm Hochhaus (Sparkassenhochhaus in der Schloßstraße d. Red.) Wismut-Kumpel mit ihren 16-sitzigen Bussen eingetroffen. Weil sich im Parterre die Sparkasse befand und die Gitter herunter gelassen waren, konnte das Gebäude nicht gestürmt werden, so begnügte man sich damit, aus den Zwillingsreifen der Busse die Schlammbatzen heraus zu kratzen, um die Fenster im 1. und 2. Stock damit einzuwerfen. Da kam ein Mannschaftswagen der Volkspolizei mit ca. 20 Mann bewaffneter Mannschaft angefahren, das brachte die Demonstranten noch mehr in Erregung. Das Fahrzeug wurde umgekippt, die Polizisten in die Flucht geschlagen und die zurück gelassenen Waffen auf dem Bordstein zerschlagen, dabei konnte man sehen, dass sie mit scharfer Munition geladen waren, doch geschossen hat niemand damit. Da wurde ein russischer Panzer T34 eingesetzt, der am Hochhaus vor fuhr und sich dort postierte. Die Wismut-Kumpel stellten ihre Busse vor und hinter die Panzer ab, wodurch die Panzerbesatzung unschlüssig wurde, denn die Busse gehörten ja der Sowjetisch Deutschen Aktiengesellschaft SDAG Wismut. (Quelle Gedenkstätte Amthordurchgang e. v.)

Alois Bräutigam und der Volksaufstand in Gera

Der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Alois Bräutigam schilderte die Ereignisse des Volksaufstandes in Gera wie folgt: "Am Nachmittag sammelten sich vor dem Gebäude des Rates des Bezirkes überwiegend kleinbürgerliche Elemente, Handwerker, ja selbst Bauern waren darunter. Überwiegend waren es Jugendliche und auch ein Teil Kinder. Diese johlende und pfeifende Masse wurde laufend durch Provokateure angefeuert. Gegen 15.30 Uhr erschien die VP, die durch ihr eigenes Verschulden in eine unglückliche Lage geraten war und sich einschließen ließ. Kurze Zeit danach kamen 10 Autos mit Wismut-Kumpeln, die sofort johlend Stellung nahmen gegen die VP, einigen bewaffneten Volkspolizisten die Gewehre aus der Hand entrissen, die Waffen zerschlugen und zwei Kraftfahrzeuge umrissen. Inzwischen war ein Hebekran der Wismut eingetroffen, der für besondere Zwecke eingesetzt werden sollte. Die Kumpels gingen dazu über, das herunter gelassene Gitter am Rat des Bezirkes zu entfernen. (Quelle: ThStA Rudolstadt, SED, Bezirksleitung Gera IV/2/13 - 1189, Bl. 29)

Es wurde brenzlig in Gera

Die Auseinandersetzung mit der Polizei hatte dazu geführt, dass die demonstrierenden Massen auseinander zu brechen drohten.  Ein Teil der Demonstranten versammelte sich nun wieder am Sparkassenhochhaus und unterstützen die zurück gelassenen Arbeiter dort wieder. Nun gab es weitere Angriffe gegen die Volkspolizei und gegen die Haftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in der benachbarten Amthorstraße. Von der BdVP (Bezirksbehörde der Volkspolizei) wurde die KVP (Kasernierte Volkspolizei) eingesetzt und mit zwei beladenen Lastkraftwagen fuhren diese mitten in die angesammelten Demonstranten vor dem Sparkassenhochhaus. Ohne Rücksicht auf Verluste. Gleichzeitig kamen 52 Wismut-Fahrzeuge aus Richtung Weida in der Geraer Innenstadt an und boten ihre Verstärkung im Kampf gegen das DDR-Regime an, was die Demonstranten darauf hin noch mehr anspornte, gemeinsam mit dem anderen "Provokateuren" gegen die Volkspolizei gewaltsam vor zu gehen. Die Volkspolizisten und die Verantwortlichen der Zeit bezeichnete die Demonstranten später als "irregeleitet". Die zwei Lastkraftwagen der KVP warfen die Aufständler auf der Schloßstraße um und entwaffneten die völlig überforderten Volkspolizisten. Etliche Gewehre gingen darauf hin durch die Demonstranten auf der Straße zu Bruch.

Weitere Festnahmen in Gera

Wahllos griff sich die Volkspolizei an diesem Mittwoch einige der Demonstranten heraus und verhaftete diese.Sie hatten versucht in das Volkspolizeikreisamt (VPKA) einzudringen. Die Hauswache der sowjetischen Truppe hinderte sie an der Einnahme des Gebäudes. Darauf hin zogen hunderte von Demonstranten vor die Kreisleitung der SED in Gera und rissen die sogenannte Sichtagitation ( öffentliche Propagandaplakate und Parolen der Partei und Staatsführung) herunter.

Anweisung der SED

Um 15.45 Uhr gab es eine offizielle telefonische Anweisung der Bezirksleitung der SED. Es war zu vernehmen: "Aufgrund der Ereignisse der letzten Stunden weisen wir Euch an, sofort alle Maßnahmen zur Sicherung des Parteigebäudes und aller wichtigen Kreisinstitutionen zu treffen. Stellt Euch sofort der VP zur Verfügung, organisiert die aktivsten FDJler und setzt sie in den Schwerpunkten ein. (Quelle: ThStA Rudolstadt, Reg.-Nr. 64/2003)

Bewaffnung blieb gefährlich

Nun wurde in Gera von der Bevölkerung zum Teil, aber mehr von den Wismut-Kumpel gefordert, die verhasste Regierung der DDR zu stürzen. Auf Transparenten wurden zudem freie Wahlen gefordert und vereinzelt war die deutsche Wiedervereinigung ein Thema der Demonstrierenden. Unter dem zunehmenden Jubel der Bevölkerung fuhren die nun zum großen Teil schwer bewaffneten Wismut-Kumpel zu den städtischen Gebäuden der Staatssicherheit, der FDJ und der Partei. Es wurde zunehmend gefährlich, da die entwaffneten Volkspolizisten sich auch wieder bewaffneten und es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen hätte kommen können, die durch den Einsatz von Schusswaffen bürgerkriegsähnliche Zustände hätte auslösen können.

Mit Baufahrzeugen zur Demonstration

Die Wismut-Kumpel verfügten über einen großen Bestand an Baumaschinen und Baufahrzeugen. Einige der Kipperfahrzeuge wurden nun in die gewalttätigen Auseinandersetzungen eingebunden, indem man versuchte mit ihnen eine der Trägersäulen am Laubengang des Sparkassenhochhauses einzurammen. Das gelang allerdings nicht, da sich das Gebäude als stabiler erwies als erwartet. Darauf hin fuhr einer der Muldenkipper zum benachbarten Stasi-Gefängnis. Dort versuchte der Lenker des Schwerlastfahrzeuges und unter dem Jubel der Geraer Bevölkerung eines der äußeren Tore einzudrücken. Zu diesem Zwecke hatte der Fahrer die große Ladefläche nach oben geklappt und fuhr so rückwärts an das Tor heran und dann auch durch. ("Quelle: ThStA Rudolstadt, BdVP Gera, 21, Nr. 026, Bl. 195f)

Sicherung der Geraer Haftanstalt

Die Haftanstalt wurde bereits vorher durch Kräfte der BdVP (Bezirksbehörde der Volkspolizei) und durch mit Maschinenpistolen  ausgerüsteten Genossen der Kasernierten Volkspolizei verstärkt. Durch sofortige Verbindungsaufnahme mit den Sowjets rollten drei Panzer an und beseitigten die in die Haftanstalt Eindringenden. Die Genossen in der Haftanstalt Amthorstraße hatten jedoch bereits durch geladen und waren mit dem Gewehr im Anschlag gegangen. Das führte zu Verwirrungen bei den Eindringenden. Sie antworteten zum Teil mit Steinen. (Quelle: BArch, DO-1/11.0/306, Bl. 234-265)

Schüsse in der Amthorstraße

An diesem Mittwoch, dem 17. Juni 1953 versuchten mehrere später unbekannte Männer, mit einem hölzernen Balken, das große schmiede eiserne Tor der Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit in der Geraer Amthorstraße einzurammen, um dort politische Gefangene zu befreien. Als es für die Demonstranten schon so aussah, das ihr Plan gelingen könnte, da sich das Tor zum Innenhof schon lockerte und neigte, erschienen sowjetische Panzer in der Amthorstraße, welche vom Sparkassenhochhaus abgezogen worden waren. Das führte zur Flucht der "Provokateure" und der Zuschauer, da nun auch Schüsse fielen. (Quelle. Gedenkstätte Amthordurchgang e.V., Zeitzeugenbericht Dr. med. Reinhard Gnauck, 27.April 2003)

Die Innenstadt war dicht

Nun blockierte das sowjetische Militär als bestimmende Besatzungsmacht auch die wichtigsten Geraer Straße im Stadtzentrum, um die Wirkung der Fahrzeugdemonstrationen einzudämmen. Das führte auch dazu, dass sie Wismut-Kumpel aus Weida aufgaben und sich mit ihren Fahrzeugen wieder in Richtung Weida begaben. Dort wiederum lieferten diese sich mit den Truppen der Kasernierten Volkspolizei ein regelrechtes Feuergefecht, bei dem auf beiden Seiten Verwundete zu beklagen waren.. Schließlich beendete erst der Einsatz von Kräften des sowjetischen Militärs die Auseinandersetzungen in Weida.

Aus der Erinnerung eines Arztes

Der Geraer Arzt Dr. med. Reinhard Gnauck erinnerte sich 50 Jahre nach dem Volksaufstand an den 17. Juni 1953. "Am späten Nachmittag fand ich den Puschkinplatz zur Schloßstraße hin von sowjetischen Soldaten mit der Waffe in der Hand abgeriegelt vor. Vor der Hauptpost standen Panzer und vor dem Hochhaus hörte und sah man eine aufgebrachte Menschenmenge. Aus einigen Fenstern des Hochhauses drang schwarzer Rauch. Es hieß, die Wismut-Kumpel aus Ronneburg seien gekommen und hätten das Hochhaus gestürmt. Aus dieser Richtung kamen dann auch sowjetische Jeeps, die offenbar überwältigte und verhaftete Demonstranten in rascher Fahrt über den Puschkinplatz Richtung Eisenbahnunterführung abtransportierten. (Quelle. Gedenkstätte Amthordurchgang e.V. Zeitzeugenbericht, 27. April 2003)

Es waren bürgerkriegsähnliche Zustände in der Stadt

Überall in der Geraer Innenstadt ergaben sich ähnliche Bilder. Die russischen Besatzungstruppen hatten für die DDR-Oberen Partei ergriffen, da diese den ausufernden Aufstand niemals hätten allein niederschlagen können. Panzer rollten über die "Sorge". Panzer rollten über die "Große Kirchstraße". Panzer bezogen an allen neuralgischen Punkten Geras Stellung. Es fiel nun zwar kein einziger Schuss mehr, aber die Stunden zuvor noch so siegessicheren Demonstranten waren zutiefst eingeschüchtert. Damit hatten sie nicht gerechnet. Die Sowjetmacht hatte nicht nur gegen die Deutschen, sondern auch gegen die deutsche Arbeiterschaft demonstrativ Stellung bezogen. Diese hatten der weit unterlegenen DDR-Macht den Sieg über die wackeren Aufständischen gebracht. Die deutschen Funktionäre und die Vopos (Volkspolizisten) hätten die demonstrierenden Massen nie und nimmer beeindrucken können. Das war das eigentliche Dilemma des Tages. Die Zukunft sollte zeigen, wie gewaltsam die Sowjets weitere Aufstände im sogenannten "Ostblock" niederschlugen und niederschlagen mussten, um den alleinigen Herrschaftsanspruch der Sowjetunion und der regierenden KPdSU zu festigen und die Vormachtstallung der UdSSR zu sichern.

Noch war es nicht vorbei mit dem Aufstand

Um 16.10 Uhr kam eine Meldung der Stasi-Kreisdienststelle Wismut in Gera an, wonach sich 34 Lastkraftwagen und einige Busse, besetzt mit Wismut-Arbeitern mit den verbotenen Losungen wie "Nieder mit der Regierung" oder "40% HO- Preissenkung!" auf der Fahrt von Culmitzsch nach Gera befand.

Die Hauptpost sollte gestürmt werden

Am späten Nachmittag des 17. Juni 1953 schlugen demonstrierende Wismut-Bergleute die Fensterscheiben des Hauptpostamtes in der Geraer Schloßstraße ein. Mit diesem Vorstoß wollten sie in das Gebäude eindringen. Zu dieser Zeit befand sich in der Hauptpost die Haupttelefonverbindung in der Stadt. Diese wollten die Demonstranten übernehmen um die Kontrolle über die Kommunikation zwischen Volkspolizei und den russischen Einsatzkräften zu erhalten.

Die Umgegend strömte nach Gera

Gegen 17.10.Uhr kam aus Richtung Wünschendorf die Meldung, dass fortwährend Wagenkolonnen von Lastkraftwagen und Motorrädern auf der Landstraße nach Gera unterwegs waren. Es war aber nicht übermittelbar, um welche Wagen es sich dabei handelte. Es wurde zu dieser zeit vermutet, das die Fahrzeuge aus den Beständen der SDAG Wismut stammten. Aus Richtung Greiz war zu erfahren, dass vom Objekt 90 alle zur Verfügung stehenden Wagen wie Omnibusse nach Gera schon unterwegs wären. Nach der Aussage des Culmitzscher Ortsbürgermeisters, dem Genossen Hoffmann, hatten die Wismut-Kumpel ihre Anweisungen aus Gera erhalten.

Genosse K. berichtete über die Wagenkolonne Richtung Gera

"Die auf dem Weg nach Gera befindlichen Lkw´s konnten durch die sowjetischen Truppen nicht aufgehalten werden. Sie wurden vor Weida von Funktionären der Wismut angehalten, sowie von den sowjetischen Einheiten. Nach eingehender Diskussion mussten sie die Straße frei geben. In der Kolonne bewegen sich ungefähr 25 - 30 Lkw´s  und Kipper in Richtung Gera."

Die Kirchenjugend und die Wismut

Die Betriebsparteiorganisation (BPO) der SED der Städtischen Anstaltsverwaltung meldete am 17. Juni 1953: "Der Betriebsablauf war voll und ganz gewährt. Es war lediglich am 17.6. nachmittags in der 5. Stunde zu verzeichnen, dass Wagen der Wismut bei der Anstaltsverwaltung anhielten und versuchten, die Transparente herunter zu holen und einen Sturm auf die Anstaltsverwaltung zu unternehmen. Durch das sofortige Eingreifen des BPO-Sekretärs August Welk ist es nicht zu dieser Maßnahme gekommen. Besonders ist zu erwähnen, dass ein Teil Jugendlicher, die das Kirchenkreuz trugen, die Wismut-Kumpel aufforderte, die Transparente zu entfernen und Tumult hervor zu rufen..." (Quelle: ThStA Rudolstadt, Reg.-Nr.64/2003)

Wismut-Kumpel begannen zu "Randalieren"

Die aufgebrachten Geraer Wismut-Kumpel kannten nun kaum noch Grenzen in ihrem Tun. Sie rissen Transparente in der Burgstraße nieder, in der Thälmannstraße (später Reichsstraße), bei der Kraftfahrzeugstaffel der Geraer Volkspolizei und dem Haus der Freundschaft. Im letzteren wurden zahlreiche Fensterscheiben eingeschlagen und die Inneneinrichtung weitest gehend demoliert.

Der Befehl Nummer 1

Es war nun 18.00 Uhr in Gera, als endgültig Schluss war mit normalen Polizeieinsätzen in der Stadt. Der Chef der Garnison Gera, Oberst Aktschurin von der Roten Armee, verantwortlich als Vertreter der sowjetischen Besatzungsmacht in Gera, verhängte den Ausnahmezustand über die Stadt. Damit war die Gewalt und die Justiziabilität wieder geregelt und die Machthaber konnten agieren wie sie es für richtig hielten. Ihnen waren nicht mehr die Hände gebunden. Das war ein weiterer Schritt gegen die Freiheitsbemühungen der Arbeiter der DDR, welche sich vom SED-Regime missbraucht sahen, um einen Sozialismus aufzubauen, den sie so nicht haben wollten. Den sie jetzt aber für die unglaubliche Dauer von 36 Jahren hinnehmen mussten.

Zweihundert gegen zwei

Gegen 18.30 Uhr wurden zwei russische Soldaten der Roten Armee auf dem "Platz der Republik" von Wismut-Arbeitern umstellt und bedroht. Dabei fielen auch wieder Schüsse. Die Schar der Demonstranten war mit 200 Teilnehmern mehr als überzählig.

In Ronneburg bei Gera

Etwa 10 vor Sieben Uhr erschienen auf der Ronneburger Marktplatz etwa 200 Bergarbeiter der SDAG Wismut und begannen für ihre Rechte zu demonstrieren. Sie forderten unter anderem "Nieder mit der Regierung", "Herabsetzung der Normen" und "Preissenkungen bei der HO".

Der letzte verzweifelte Versuch

In den beginnenden Abendstunden dieses so ereignisreichen Mittwochs versuchten noch einmal einige Wismut-Kumpel auf dem Geraer "Platz der Republik" eine sogenannte Kundgebung zu organisieren. Ein Panzereinsatz der sowjetischen Besatzungsmacht machte dem ein schnelles Ende. Von der BdVP (Bezirksbehörde der Volkspolizei) waren zu dieser Zeit die Stadtausgänge besetzt worden. Die Fahrzeuge der SDAG Wismut und deren Fahrzeugführer wurden zu dieser Zeit inhaftiert. Auch im Elektrowerk Gera zeigten sich Streiktendenzen, Das Werk war aber von der BdVP rechtzeitig besetzt worden. Erst gegen 20.00 Uhr sollte in der Stadt Ruhe einkehren.

Die Dokumente der Machthaber

Nachdem in Gera wieder einigermaßen Ruhe eingekehrt war, trauten sich einige wenige Menschen zurück zu den Schauplätzen des Volksaufstandes. Auf viele Bürgersteigen und Straßen lagen verstreute Parteidokumente und Abzeichen. Entweder hatte man die Symbole überzeugten Parteigenossen abgenommen und zerstört oder hatte sich selbst davon getrennt.

Die SED setzte weiter auf Propaganda

Gegen 21.00 Uhr gab es eine Anweisung der SED-Bezirksleitung. Aus allen Kreisen des Bezirkes Gera, so war zu lesen, sollten unverzüglich alle Sekretäre der Partei und die Abteilungsleiter aus dem Urlaub oder der Freizeit geholt werden. Das Kreissekretariat der SED Gera stellte einen Stab von zuverlässigen Agitatoren zusammen, die sofort schwerpunktmäßig in der Bevölkerung eingesetzt werden konnten. Gegen 22.00 Uhr wurde diese Anweisung noch ergänzt. Dort war unter anderem zu lesen: "Es muss garantiert sein, dass heute während der Nacht in allen lebenswichtigen Objekten ... gearbeitet wird . in den Betrieben ist verstärkt zu agitieren, um Provokateure zu entlarven und zu isolieren. (Quelle: ThStA Rudolstadt, Reg.- Nr. 64/2003)

Der Oberbürgermeister machte der Stasi Meldung

Am 23. Juni 1953, nicht einmal eine Woche nach dem Volksaufstand, schrieb der Vorsitzende des Rate der Stadt Gera und Oberbürgermeister der Stadt, Kurt Böhme, an das Ministerium der Staatssicherheit der Dienststelle Gera und erstattete Meldung: "Wie wir fest stellten, nahmen an der am 17.6.1953 stattgefundenen Demonstrationen auch Mitarbeiter unserer Abteilung Finanzen - Unterabteilung Abgaben - teil. Durch die Parteileitung und den Abteilungsleiter wurden die Kollegen wegen ihrer Teilnahme gehört. Wir geben ihnen nachfolgendes Ergebnis bekannt: . [Benennung von sechs Mitarbeitern, Beschreibung ihrer Aktivitäten] . allgemein kann fest gestellt werden, dass keiner der vorgenannten bewusst mit dem Gegner zusammengearbeitet hat. Fest steht jedoch, dass die Obengenannten aufgrund ihrer ungenügenden politischen Kenntnisse zu den Menschen gehören, die sich sehr leicht vom Gegner beeinflussen und missbrauchen lassen." (Quelle: ThStA Rudolstadt, Reg.- Nr. 64/2003)

Am 26. Juni 1953 schrieb die Volkswacht, das Zentralorgan der Bezirksleitung der SED, folgende Worte und ging damit an diesem Tag zur politischen Agitation über.

"Das Wichtigste ist jetzt das Vertrauen des Volkes zur Partei und Regierung . die Parteiorganisation der Wismut hat in dieser Frage ihre Parteiarbeit verbessert, worüber Genosse Klein berichtete. Die BPO (Betriebs Partei Organisation Anm. der Red.) hat sich aus guten Genossen und parteilosen Kollegen einen Stamm von Agitatoren geschaffen. Die Agitatoren werden ständig vor jeder Schicht kurz über die neuesten Ereignisse und Beschlüsse unterrichtet, damit sie mit ihren Kumpeln im Schacht während einer Schießpause diskutieren können. Die BPO ist weiter dazu übergegangen, auch Agitatoren einzusetzen, die schichtfrei haben. Dadurch wird sie schneller und gründlicher über die Stimmung der Kumpel, ihre Forderungen und Wünsche unterrichtet." Kein Frieden ohne Einheit. Genosse Grotewohl führte weiter aus: "Die wichtigste Frage unserer Politik, für die wir konsequent kämpfen, ist die Herstellung der Einheit Deutschlands. Es gibt keine Einheit ohne Verständigung und es gibt keinen Frieden ohne Einheit."

Seht sie Euch genau an!

(Die "Volkswacht brachte an diesem Tag noch Bilder der Provokateure des Volksaufstandes und ächtete diese mit folgenden Worten.)

So sehen sie aus, die Organisatoren der faschistischen Provokation im Bezirk Gera.

"Eine führende Rolle in der Bezirkshauptstadt Gera spielte Werner Gehrt, BGL-Mitglied (Mitglied der Betriebs Gewerkschafts Leitung Anm. der Red.) der Firma Roto-Record. Dieser traurige Arbeiterverräter, der kurz vor dem 17. Juni in Berlin war, hatte nichts Eiligeres zu tun, als sofort am Morgen des 17. Juni zum EKM zu gehen und dort gegen unsere Regierung zu hetzen."

Kurt Unbehauen - bewährter Nazischläger

"Einer der zahlreichen Aufrührer des 17. Juni 1953, der Verbrecher, Zuhälter und Verräter, ist Kurt Unbehauen aus Maua Kreis Jena. 1934 wurde er Mitglied der SA und des NSKK und hat sich schon damals bei faschistischen Pogromen ausgezeichnet. 1945 gelang es ihm, sich in die SPD einzuschleichen und wurde 1946 Mitglied der SED. Wegen seiner verbrecherischen Handlungen wurde er von der Partei der Artbeiterklasse ausgeschlossen."

(Der angebliche Provokateur Werner Gehrt war für 3 Wochen inhaftiert worden. Danach kam er zur Wiederherstellung seiner angeschlagenen Gesundheit 4 Wochen zur Erholung. Bei der Rückkehr an seinen alten Arbeitsplatz fand er diesen mit Blumen geschmückt vor. So ganz war der Volksaufstand noch nicht vergessen. Erst Wochen später fühlten sich die SED-Funktionäre wieder sicher auf ihren Posten und verfielen in den alten Trott der Unterdrückung der politischen Gegner. Man hatte den Volksaufstand gegen Provokateure wie Werner Gehrt bekanntlich gewonnen. Laut einem Beschluss der Werksleitung vom 9. Oktober 1953 wurde Werner Gehrt dann aber unter der vollen Zustimmung der Betriebs Gewerkschafts Leitung (BGL) fristlos entlassen. Als Begründung wurde ihm schriftlich mitgeteilt, hieß es, dass sein "Betriebsschädigendes Verhalten" zu dem Schritt geführt habe. Mit dieser fristlosen Entlassung verlor Werner Gehrt alle bis dahin erworbenen betrieblichen Vergünstigungen. Als er kurz danach erfuhr, dass er erneut verhaftete werden soll, setzte er sich in letzter Minute in den freien Westteil Deutschland ab. So war es sinngemäß im Geraer Heimatbrief 4/63 im Schreiben des VEB Werkzeugfabrik Roto Record Gera am 10. Oktober 1953 zu lesen.)

Ein Zeugenbericht von Siegfried Opitz zum 17. Juni 1953

"Durch das Radio am 17. Juni 1953 erfuhren wir, was in Gera los ist und machten uns sofort auf die Strümpfe. Es wurde die ständige Normerhöhung kritisiert, auch ging es um Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit. Überall wo Volksaufstände waren, Ungarn und Tschechei, ist der Russe mit Panzern aufgefahren. Mein Freund und ich sind am 17. Juni durch Gera marschiert, der Sinn bestand darin, die politischen Gefangenen in der Greizer Straße und am Amthordurchgang zu befreien. Als wir dort ankamen, sind schon die russischen Panzer aufgefahren. Bei der Haftanstalt waren schon die Wismuter vor Ort. Wir wurden zurück gedrängt, so habe ich das nicht richtig mitbekommen. Zwei Jahre später habe ich selbst die Haftanstalt Amthordurchgang von innen kennen gelernt. Eines Tages kam ein LKW mit Polizisten bei uns auf den Hof. Sie durchsuchten unser Haus und Grundstück nach Waffen und Munition und sie wurden fündig. Mein Vater und ich wurden verhaftet. Man verurteilte mich wegen Waffenbesitzes und wegen der Sache am 17. Juni 1953 zu acht Jahren, mein Vater wegen Mitwisserschaft auch zu acht Jahren. Er hatte mich zwar dazu veranlasst, die Waffen weg zu schaffen, aber ich hatte sie versteckt. Die Haftanstalten waren von 1954-1956 total überfüllt und die hygienischen Bedingungen katastrophal. Es befanden sich sechs Mann auf einer Zelle und der Kübel in der Ecke, keine Sauerstoffzufuhr. Es gab Häftlinge, die hatten ein Jahr Einzelhaft und nachts fanden oft die Verhöre statt. Ich persönlich habe dies nicht erlebt. Am 9. August 1955 wurde ich verurteilt. Ich wurde nach Waldheim ins Gefängnis gebracht. Dort befanden sich cirka 3.000 Häftlinge. Ich musste in der Besteckschleiferei arbeiten. In Waldheim konnte ich meinen Vater öfter sprechen. Unser eigener Betrieb wurde vom Rat des Kreises weiter geführt, bis unser Konto aufgebraucht war. Ich habe heute noch persönliche Merkmale an den Händen von dem Sand in der Schleiferei in Waldheim. Es gab auch Knochenblessuren und Sehnenscheidenentzündungen. Wir mussten drei Schichten arbeiten und hatten eine hohe Norm zu erfüllen. Ich hatte wegen illegaler Nachrichtenübermittlung Postsperre bekommen. Ich habe über einen kalfaktor einen Kassiber weiter reichen lassen. Wenn ich keine Post bekommen habe, bin ich durchgedreht und habe mit dem Schemel an die Tür geknallt. Die Wärter kamen und haben mir Handschellen angelegt und mich an die Heizungsrohre angeschlossen. Die Zellen waren wie Schweineställe, da gingen große Heizungsrohre durch und abends waren die Rohre heiß. Da habe ich gebrüllt, weil ich mich verbrannte. Man durfte über solche Dinge bei einem Besuch nicht sprechen. Später kam ich nach Oelsnitz im Erzgebirge in den Steinkohlebau. Dort war es sehr gefährlich und daran sind Viele kaputt gegangen. 1960 kam die Amnestie und ich hoffte sehr auf meine Entlassung, aber ich leider nicht dabei. (So Siegfried Opitz in einem Interview vom 13. Juni 2003 im Offenen Kanal Gera, ein halbes Jahrhundert nach dem Volksaufstand.)

 

Anmerkung der Redaktion

Wäre der Volksaufstand in der DDR mit Erfolg gekrönt gewesen, viel Leid, viele Mauertote und viele Polithäftlinge hätte es nicht gegeben. Die Mauer wäre nie gebaut worden und es wäre nie zu einer derartigen Spaltung Europas gekommen. Auch die weiteren "Volksaufstände im Ostblock wie 1956 in Ungarn, 1968 in der CSSR und 1981 in Polen wären so nicht passiert. Es wäre aber auch reine Spekulation, ob bei einem einigen starken Deutschland ab 1953 der Einfluss der Sowjets in Osteuropa so groß gewesen wäre, wie er wurde. Ein geeintes Deutschland hätten die Sowjets nicht so ausnehmen können durch ihre Reparationsforderungen wie die DDR, deren Machthaber von den Sowjets eingesetzt, geschult und gelenkt wurden. Stalin war auch nach seinem Tod am 5. März 1953 allmächtig in der DDR, weil Staats- und Parteichef Walter Ulbricht überzeugter Stalinist war, was ihn 1971 auch die Ämter kostete, als selbst in der Sowjetunion, seit 1965, mit Stalin abgerechnet wurde. Durch die Niederschlagung des Volksaufstandes konnten die DDR-Oberen ihre Positionen festigen. So schnell, da war man sich sicher, würde in der DDR keiner mehr rebellieren, weil die Menschen die Macht zu spüren bekommen hatte, die von den Sowjets als Besatzer bei der Niederschlagung  ausgegangen war. Nur drei Jahre später sahen die Menschen in der DDR, wie die Sowjets auch in Ungarn einen Aufstand gewaltsam beendeten und den Oppositionsführer Imre Nagi zum Tode verurteilten. Im Jahr 1968 wäre die DDR beinahe selbst von der Sowjets dazu gezwungen worden, als Nachbarland dabei zu helfen, den "Prager Frühling", den Volksaufstand in der CSSR, gewaltsam zu zerschlagen. Dazu kam es zum Glück nicht. Es sollte noch bis zum Herbst 1989 dauern, die Regierung der DDR in die Wüste zu schicken. Und zwar endgültig. Der Weg für ein geeintes Deutschland war nun frei. Für viele ältere Bürger war mit der Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 der Zweite Weltkrieg nun endlich, mehr als 45 Jahre nach dem letzten Schuss an der Kriegsfront, zu Ende. Wie viele Menschen ihren Freiheitsdrang mit ihrer Flucht aus der DDR mit dem Leben bezahlen mussten, wurde nie ganz geklärt. Besonders nachdem am Sonntag, dem 13. August 1961, die DDR-Regierung ihre Einwohner hinter einer Mauer einsperrte, die offiziell vor den Gegnern aus dem Westteil Deutschlands schützen sollte. Die Aufständigen des 17. Juni 1953 wurden von der Bundesrepublik Deutschland immer als Helden verehrt. Daher beschloss die Regierung unter Bundeskanzler Konrad Adenauer auch, den 17. Juni zum "Tag der Deutschen Einheit" zu erklären. Erst nach der wirklichen Wiedervereinigung wurde dieser Feiertag wieder abgschafft und der 3. Oktober trat an diese Stelle.

Mike Strunkowski, für die Gera-Chronik im April 2009

Der Autor dankt hiermit noch einmal der Gedenkstätte Amthordurchgang e. V. und Heiko Knorr für die Zuarbeit zu dieser wichtigen Zusatzinformation.

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18.01.2015
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