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18.10.1902 Errichtung des "Hoftheaters"
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Die Einweihung des neuen Fürstlichen Theaters

In der Fürstlichen-Reußischen-Geraer Zeitung wurde stimmungsvoller Augenzeugenbericht zur Theatereröffnung abgedruckt.

Gera den 20. Oktober 1902

"Die hohen alten Bäume am Küchengarten neigen ihre Köpfe zusammen, sie schütteln die spärlichen Blätter, die ihnen der Oktoberwind gelassen, und durch die Nacht geht ihr leises verwundertes Rauschen. Weit hinten in der Stadt hängt wie all die letzten Tage die volle Mondscheibe. Aber ihr Licht ist heute bleich und matt und tot. Denn da unten aus den Fenstern des neuen Hauses schießen die Strahlenbündel weit hinaus auf den nächtigen Platz und triumphieren über Abenddunkel, Baumesschatten und Mondlicht mit festlichem Glanz. Wie eine Schlange windet sich der Zug der Wagen von rechts unter den Bäumen hervor, die Rampe hinauf vor das tannengeschmückte Portal, schillert wie Seide und Samt, Spitzen und rosige Haut und schlängelt sich schwarz links wieder die Rampe hinab. Mit der Flut der eilenden Menschen treiben wir durch Hallen und breite Gänge und treten in das schimmernde Haus. In dünnen zarten Bächen rieselt Gold über die weißen Wände, in weichem Rot liegen dahinter Nischen und Logen. Zwei blühende Kränze, legen sich die damenbesetzten Ränge um die Runde, einen tiefschwarzen Teppich bildet in der Tiefe die befrackte Herrenwelt. Eine einzige bunte blitzende Borte zieht quer hindurch, die Offiziere. Nun tönt ein dreimaliges Klopfen durch das ahnungsvolle Gemurmel. Wie ein Mann erhebt sich die ganze Versammlung: die Durchlauchtigsten Herrschaften sind in die Loge getreten. Ein dreimaliges Hoch schallt ihnen als jubelnder Dank entgegen. Und dann rauschen aus der Tiefe des versenkten Orchesters die Wunderklänge des "Meistersingervorspiels" weihevoll zur Höhe. Als sie verklungen sind, steigt der Vorhang. Ein Prolog von Ernst von Wildenbruch, gesprochen von Herrn Direktor Kurtscholz, feierte die Huld und Gunst des fürstlichen Herrn, die im Verein mit dem Opfersinn der Bürgerschaft dies Haus erstehen lassen, und ruft die Göttin Poesie, dass sie einziehe in den ihr errichteten Tempel. ...und hinaus drängt die festliche Schar der Gäste, während der großen Pause in den breiten, lichtdurchfluteten Wandelgänge sich zu ergehen. Des Konzertsaals Pforten sind geöffnet, herein und heraus ergießt sich unablässig der Strom der frohen Wandler. Die Augen glänzen, manch rosiger Nacken leuchtet, die Seide rauscht neben der schwarzen Feierlichkeit der Fräcke, blitzt die bunte Pracht der Uniformen. Im großen Vorraum des ersten Ranges beehren die erbprinzlichen Herrschaften zahlreiche Glückliche mit huldvoller Ansprache, ein Kreis besternter Leiter deutscher Hoftheater ziert den weiten Raum und aus der Fülle der gesichtertaucht ab und an ein längst bekannter Kopf, Größen des Theaters und der Literatur.
... Der Vorhang muss sich wieder heben, und nach den darstellenden Künstlern erscheint mehrfach gerufen, der Meister des Baues, Herr Seeling. Unter der Lastdreier Riesenkränze gebeugt, dankt er bewegt zugleich im Namen aller seiner Mitarbeiter. Wir haben gebaut ein stattliches Haus. Nun ist es geweiht zum edlen Zweck. Dass es seine Bestimmung erfüllen wird, dem Kunstleben unserer Stadt neue Fülle und Kraft zu geben, dafür bürgt die Kunstfreude und der Kunstsinn des hohen Hausherrn. Sr. Durchlaucht des Erbprinzen, dafür bürgt der Eifer und das Können unserer wackeren Künstlerschar, die unter der Leitung ihres erprobten Direktors zu vielen unvergessenen Kränzen diesen neuen hinzugefügt, dem noch viele, des sind wir gewiß, nachfolgen werden.

Dieses Zeitungszitat ist in der für diese Zeit üblichen Orthographie übernommen worden und wurde nicht überarbeitet.

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Tintenglas mit Feder
 
 
18.01.2015
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