Rolle oben
1076 Der Gang nach Canossa
<<< zurück zur Chronik

Im Jahr 1076 belegt Papst Gregor VII (Hildebrand von Soana, welcher auch als die "Zuchtrute Gottes" bezeichnet wurde) den deutschen König Heinrich IV mit dem Kirchenbann (er schließt den König aus der Kirche aus).Grund dafür war, dass sich König Heinrich IV der Laieninvestitur schuldig gemacht hatte, als er das vakante Bistum von Mailand eigenmächtig neu vergeben hatte und damit gegen das “Dictatum Papae“ verstieß.
Im „Dictatum Papae“ (auch Dictatus Papaem genannt) erhob Papst Gregor VII den Anspruch auf Universalherrschaft. Er sprach dem Papsttum das Recht zu, Kaiser abzusetzen oder Untertanen vom Treueid gegen ungerechte Herrscher zu befreien. Der Papst sei in seinen Entscheidungen von niemanden zu richten, und ihm allein gebühre die Herrschaft über die Universalkirche. Die Proklamation wandt sich in erster Linie gegen die universalen Ansprüche der Kaiser von Byzans, richtete sich aber in den nächsten  Jahren zunehmend gegen die deutschen Kaiser. Insbesondere die Laieninvestitur, die Einsetzung geistiger Würdenträger durch weltliche Herrscher, wurde in der Folge zu einem Zankapfel zwischen Papsttum und Kaisertum im Investiturstreit.
Zu Weihnachten 1076 brach König Heinrich IV von der Domstadt Speyer zu seinem „Gang nach Canossa“ zu Papst Gregor VII. auf. (Sein Vorfahre Konrad II., ein Salier oder Saliger, hatte den Dom nach einer Pilgerreise auf der er Rom besucht hatte ein halbes Jahrhundert zuvor gestiftet.) Mit seiner Ehefrau und einem Gefolge trat der König die beschwerlich Reise über die Alpen in einem besonders harten Winter an. Er erreichte den Papstsitz am 25. Januar 1077 und musste drei Tage bis zum 28. Januar bei eisiger Kälte im Büßergewand ausharren. Viele Rufe des verzweifelten Deutschen Königs an den Papst gerichtet, erreichten den Papst nur in dem er es hörte. Er befahl aber über drei Tage hinweg, dem Bitten des Heinrich nicht Folge zu leisten. Erst danach war sich seine Heiligkeit Gregor VII. bewusst, dass ein wirklich reuiger Büßer vor seien Toren stand. Sichtlich erstaunt soll das Kirchenoberhaupt ob der Tatsache gewesen sein, dass Heinrich, den er von seiner Residenz aus beobachten konnte, in solch stoischer Gelassenheit ausharrte. Nicht wissend, dass Heinrich gar keine andere Wahl hatte zu dieser Zeit. Man hatte dem König die Gefolgschaft im eigenen Land verweigert, sollte er nicht binne eines Jahres mit dem apostholischen Stuhl wieder in Einheit gekommen sein und in den Schoß der christlichen Kirche zurück gefunden haben. 
Der Papst war von der Ankunft Heinrichs in Kenntnis gesetzt worden, verließ seinen Sitz in Rom unter der Befürchtung des rigerosen Eingreifens der Truppen des Königs und residierte in Canossa. Heinrich IV. war nur augenscheinlich mit einem kleinen Gefolge nach Italien aufgebrochen. Im Hintergrund lagerten zahlreiche Truppenverbände, die nicht zum Einsatz kamen.
Die Schwester des Papstes soll ihren Bruder darum gebeten haben Heinrich IV, nach drei Tagen in bitterer Kälte und ohne jegliche Schuhbekleidung vor den Toren der Stadt stehend, einzulassen und den Kirchenbann aufzuheben.

König Heinrich IV schwört Papst Gregor VII (Hildebrand von Soana) und seinen Feinden im Reich bei seinem „Gang nach Canossa“ im Jahr 1077 Entgegenkommen.

„Ich, König Heinrich, werde innerhalb der vom Herrn Papst Gregor bestimmten Frist über das, worüber die Erzbischöfe, Herzöge, Grafen und die übrigen Fürsten des Deutschen Reiches sowie die Übrigen, die sich ihnen dabei angeschlossen haben, gegenwärtig über mich klagen und mit mir uneins sind, entweder nach dem Urteile des Papstes dem Rechte gemäß Genüge leisten oder mich nach dessen Rate vergleichen, falls sich nicht mir oder ihm ein tatsächliches Hindernis in den Weg stellt; ich werde nach dessen Behebung nach wie vor hierzu bereit sein. Außerdem wird der Herr Papst Gregor, wenn er über die Alpen oder anderswohin reisen will, von meiner Seite und all derer Seite die mir unterstehen, vor aller Verletzung seines Leibes und Lebens sicher sein, er und alle in seinem Geleite und in seiner Umgebung, ebenso alle seine Boten und alle Gesandten, die von irgendwoher zu ihm kommen. Das soll für Hinreise und Rückreise sowie für den jeweiligen Aufenthalt gelten. Auch sonst soll ihm mit meiner Zustimmung nichts gegen seine Ehre in den Weg gelegt werden, und wenn jemand solches unternimmt, dann werde ich dem Papst Gregor, so gut ich es vermag, in zuverlässiger Treue beistehen“

Papst Gregor VII berichtet seinen Anhängern im deutschen Reich von den Ereignissen in Canossa.

„Drei Tage lang stand er (Heinrich IV) hier vor dem Burgtore, hatte jedes Abzeichen seiner königlichen Würde abgelegt, harrte unbeschuht und in linnenem Gewande kläglich.... aus, und ließ nicht (davon) ab.... die apostolische Erbarmung anzuflehen, bis er alle zu Mitleid bewegte.“

Dieser Wortlaut ist in die heute gebräuchliche Rechtschreibung übernommen worden, da es eine solche im hohen Mittelalter noch nicht gab. (Im Jahr 786 gab es die erstmalige Erwähnung der deutschen Sprache in der „Lingua Theodisca“, der deutschen Sprache, als Volkssprache (diutisc = dem Volke verständlich, deutlich) im Gegensatz zur lateinischen Sprache der Gelehrten. Die Deutschen wurden von den Römern auf den Namen Germane getauft, weil sie den Deutschen der damaligen Zeit wie folgt charakterisierten. Der „Ger“ war der häufig benutzte Wurfspieß und der Wortstamm „man“ resultiert aus dem Wort Hand (manuell). Somit wurden Deutsche als “die mit dem Spieß in der Hand“ bezeichnet, und der Germane war wörtlich geboren. Beide Schriftstücke (von Papst Gregor VII und von Heinrich IV) im Original der Zeit zu lesen in der sie beide lebten, hätten einen erheblichen Leseaufwandes bedeutet und wären heute mehr als unverständlich. Jedermann schrieb damals wie er es für richtig erachtet hat und die meisten Menschen konnten ohnehin nicht Lesen oder Schreiben. Selbst Kaiser Karl der Große (747-814  Karolus Magnus Imperator Romanum) der am 25. Dezember 800 von Papst Leo III zum römischen Kaiser gekrönt wurde, war Zeit seines Lebens des Lesens und Schreibens nicht mächtig. Der Karolinger war aber trotzdem einer der herausragendsten Herrscher seiner Zeit und bleibt uns im Gedächtnis als der Begründer Europas.  

König Heinrich IV. sah sich zu dem Bußgang gezwungen, da viele deutsche Fürsten ihm nach der Auferlegung des Kirchenbannes die Gefolgschaft und die Unterstützung versagten und die von ihm initiierte Absetzung von Papst Gregor VII auf der Synode von Worms nicht respektierten. Zwar hob Papst Gregor VII den von ihm auferlegten Kirchenbann auf, doch der Investiturstreit war damit noch nicht beendet. Der Investiturstreit eskalierte im Jahr 1080 erneut, als König Heinrich IV wieder dem Kirchenbann des Papstes unterliegt, zu diesem Zeitpunkt aber einen Gegenpapst (Gegenpapst wurde Wibert von Ravenna und nannte sich Clemens III) einsetzt und sich von diesem 1084 in Rom zum Kaiser ernennen lässt.

Am 07. August des Jahres 1106 starb Kaiser Heinrich IV, ohne den Investiturstreit beendet zu haben. Sein Sohn Heinrich V., der seinen Vater bereits 1105 faktisch entmachtet hatte, leitete gegenüber der päpstlichen Partei eine vermittelnde Politik ein.
Am 23. September 1122 beendet das „Wormser Konkordat“ den Investiturstreit zwischen dem deutschen König und Kaiser Heinrich V. und Guido Graf von Burgund welcher sich Papst Kalixt II nannte.
Nach dem Muster von Kompromissen zwischen dem Papsttum und Frankreich sowie England werden die Bischöfe künftig im Beisein des Königs kanonisch (Kanonistik ist das juristische Kirchenrecht) gewählt. Danach kann der König weltliche Güter an die Würdenträger vergeben. Obwohl der König die Wahl indirekt beeinflussen kann, bedeutet der Verzicht auf die Investitur das Ende des ottonischen und salischen Reichskirchensystems als Stütze der Königsherrschaft.

Das Wormser Konkordat von 1122
1. "Ich, Heinrich V., von Gottes Gnaden Imperator Augustus der Römer, verzichte aus Liebe zu Gott und der heiligen römischen Kirche und zum Herrn Papst Kalixt II (Guido Graf von Burgund) und wegen meines Seelenheils zugunsten Gottes und der heiligen Apostel Petrus und Paulus und der heiligen römischen Kirche auf alle Investitur mit Ring und Stab, und ich gestatte allen Kirchen die in meinem Regnum und Imperium liegen, kanonische Wahl und freie Weihe."

2. Besitzungen und Regalien (Als Regalien bezeichnet man das Privileg auf Erhebung von Zöllen, das Marktrecht, das Münzprägerecht, die städtische Gerichtsbarkeit oder auch das Stadtherrschaftsrecht.) des heiligen Petrus, die vom Beginn dieses Streites an bis zum heutigen Tage zur Zeit meines Vaters oder auch durch mich entfremdet worden sind, erstatte ich der heiligen römischen Kirche zurück ...

3. Besitzungen aller anderen Kirchen oder von Fürsten oder anderer Laien und Kleriker, die in diesem Streit verloren gegangen sind, werde ich nach den Rate der Fürsten und der Rechtsgewalt, die ich habe, zurückgegeben; was ich aber nicht selbst besitze, werde ich getreulich zurückzugeben befehlen.

4. Und dem Herrn Papst Kalixt II (Guido Graf von Burgund) und der römischen Kirche und allen, die auf ihrer Seite sind oder waren gebe ich den wahren Frieden.

10. Januar 1356
Die "Goldene Bulle" regelt die deutsche Königswahl: Wahlberechtigt sind einzig die sieben Kurfürsten, deren Territorien unteilbar sind. Der Erzbischof von Mainz setzt die Wahl an und leitet sie. Sie findet in Frankfurt statt, die Krönung in Aachen. Der Papst wird nicht erwähnt, er hat jedes Mitspracherecht oder Einspruchsrecht verloren. Die "Goldene Bulle" regelt ausdrücklich nur die Königswahl, obwohl das Reich in staufischer Kaisertradition immer als "Sacrum Imperium" (heiliges Reich) bezeichnet wird.

Mike Strunkowski, für die Gera-Chronik 2007

<<< zurück zur Chronik
Rolle unten
Tintenglas mit Feder
 
 
18.01.2015
77 neue Artikel