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23.06.2008 Reise in eine unbekannte Welt
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Die Geraer Journalistin Petra Lowe schrieb für die Ausgabe der OTZ vom 24. Juni 2008 einen Artikel zu diesem Thema, welcher so brillant war, dass es fahrlässig gewesen wäre ihn zu verändern oder anders wiederzugeben. Petra Lowe war die erste Journalistin Geras, welche sich traute, über das noch in den Kinderschuhen befindliche Projekt „Gera-Chronik“ einen redaktionellen Artikel in der OTZ zu veröffentlichen.

Wir zitieren Petra Lowe

Reise in die unbekannte Welt der DDR-Schule

Historischer Unterricht im Stadtmuseum

Gera. Der Gruppenrat bekommt blaue Halstücher umgebunden, alle Schüler erhalten Lesematerial mit Pioniergesetzen. Wir schreiben das Jahr 1982/83 und die Reise der Klasse 10/1 des Goethegymnasiums/Rutheneum seit 1608 in die Vergangenheit beginnt.
Den 16-jährigen sind es fremde Welten, die Elke Urban vom Schulmuseum aus Leipzig gestern öffnete. In einem provisorisch eingerichteten Klassenraum im Stadtmuseum Gera mit Honecker-Bild und Pionierfahne an der Wand unterrichtete sie die Gymnasiasten, wie es in der dritten Klasse einer DDR-Schule üblich gewesen wäre. Eingeladen war sie vom Geraer Stadtmuseum, das einigen Schulen praktische Anwendungen in der Sonderausstellung „Setzen, Pfeiffer!“ bietet.
Anhand von Quellen und Zeitungsbefragungen hat die ehemalige Lehrerin Urban eine Unterrichtsstunde wie ein Theaterstück inszeniert. Sie selbst mag sich nicht als freundlich lächelnde, aber eine harten Kurs durchsetzende Lehrerin, sagte sie. Doch die verknappte Darstellung der Erziehungsziele in der DDR-Schule zwingt zu deutlichen Handlungen. Die Schüler erfahren Schulalltag, den sie selbst mitgestalten. Eine unwirkliche Situation, die Positionen und auch Erkenntnisse von den Schülern verlangt. Zunächst allerdings bringt die Frage nach Informationen über die DDR-Schule recht skurrile Antworten hervor, wie das Schreiben mit Federkiel oder den täglichen Appell. Elke Urban erklärt oder bestätigt, was die meisten schon wissen – Zensuren mit Noten von 1 bis 5, samstags Schule, systemfreundliche Lieder. Doch es ist etwas anderes, Schlagworte in den Raum zu werfen, als DDR-Unterricht am eigene Leib zu erfahren. Da wird mit dem Pioniergruß „Seid bereit – immer bereit begonnen, bei jeder Antwort aufgestanden. Elke Urban macht bereits vorher klar, dass der Spielraum zum Widerspruch genutzt werden soll. Oftmals aber kommt das nicht vor, die Schüler verhielten sich angepasst, so Elke Urban. Um so größer ist die Anerkennung für den Widerspruchsgeist zweier Geraer Mädchen gegen die gestern nur gespielte, damals reale Ausgrenzung von „Nicht-Pionieren“. Der Unterschied zwischen heute und DDR-Schule sei krass, sagt Julius Martin und alle sind sich einig: Historischer Unterricht sei besser, als nur von DDR zu hören oder zu lesen. Und manch einer könne seinen Eltern und Großeltern jetzt sogar besser verstehen.

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