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14.08.2007 Das Bild gibt es gar nicht
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So erklärte es Katrin Wiesner von der OTZ

Das Gemälde "Selbstbildnis mit roten Gladiolen", entstanden 1913, gilt heute als verschollen. Auf einer Karteikarte im Otto-Dix-Archiv ist der knappe Hinweis "wahrscheinlich von den Nazis vernichtet" vermerkt. Aber es gab verschiedene Abbildungen, die bei der Veröffentlichung über Dix immer wieder auftauchen. Schließlich handelte es sich in den 1920er Jahren um eines der am meisten reproduzierten Selbstbildnisse des berühmt-berüchtigten Realisten. Bei genauerem Hinschauen aber entdeckt man schnell, dass die Ausschnitte der erhaltenen Reproduktionen variieren. "Hier fehlt mal ein Stück von der oberen Gladiole, da ein Abschnitt vom unteren Rand", erzählte Holger Saupe, Leiter der Kunstsammlung Gera. Also setzte das beauftragte Werbebüro Schüttdesign aus Gera mehrere Vorlagen am Computer zusammen, um daraus erstmals eine vollständige Reproduktion zu gewinnen. Naturgemäß waren die Vorlagen nur in Schwarz-Weiß zu haben. Doch es existiert eine Bildbeschreibung des Dix-Biographen Otto Conzelmann. Von einem "Make up des sinnlichen Mundes, auf dessen schwellenden Lippen das Rouge mit linearer Schärfe des Lippenstiftes aufgetragen ist" ist da die Rede. Anhand solcher Schilderungen und wohl mit dem Gefühl für Dixsche Farbigkeit ist das Bild coloriert worden.
Tatsächlich taugt das Bild wie kaum ein anderes für die Ausstellungs-Bewerbung. Nicht nur, das es als "typisch Dix" erscheint. Dem stechenden Blick des Selbstportraitierten kann man nur schwerlich entgehen. Herausfordernd die Sinnlichkeit der Lippen; die Erotik, die über dem Garten zu liegen scheint. Es vereint alles, was die Kunstsammlung mit "Un-verblümt" verspricht. Dix, Landschaft und Blumenstück.
Und es gibt einen weiteren Grund: "Den braunen Horden wollten wir das Bild nicht überlassen", sagte Holger Saupe und hat das einst bekannte Selbstportrait wieder zurück in die Öffentlichkeit geholt. Auf diese Weise ist der seltene Fall eingetreten, dass ein Gemälde als Sinnbild für eine Ausstellung wird, ohne das man es dort überhaupt finden könnte.

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Tintenglas mit Feder
 
 
18.01.2015
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